Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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KONSERVATIVISMUS UND MODERNISMUS

VON ARTHUR ROESSLER

Konservativismus und Modernismus werden
in der Kunst, und zwar leidenschaftlich
verbissener noch als in Leben und Politik, immer
wieder gegeneinander ins Treffen geführt. Kon-
servativismus und Modernismus stellen aber,
so gut oder schlecht jeder von ihnen an sich
auch sein mag, in der Kunst keinen Wert dar.
Denn es gibt gute alte und gute moderne Kunst,
schlechten neuen und schlechten alten Kitsch.
Denn Kitsch bleibt Kitsch, ob alt, ob neu. Gute
moderne Kunst, und daß es deren welche gibt,
darf wohl als unbestreitbar gelten, verträgt sich
mit guter alter Kunst viel besser, als gute alte
Kunst mit altem Kitsch. Eben weil Kitsch unter
allen Umständen Kitsch bleibt und es ihn immer
schon gab. Er scheint nämlich so urewig zu sein,
wie die Kunst selbst; ja es gab Zeiten, während
denen er mit unkrautartiger Üppigkeit die gute
Kunst dicht überwucherte, fast erstickte. Da-
rum sollte in der Kunst die Unterscheidung
konservativ und modern, alt und neu garnicht,
sondern nur die Unterscheidung kunstwertig
und kitschig gemacht werden.............

Die Menschheit besäße keine frühgeschicht-
liche, keine antike, keine frühchristliche, roma-
nische, gotische, barocke und neuzeitliche Kunst
und keinerlei Werke erlauchter Art aus all
diesen Perioden, wenn die Künstler, die den
ersten prähistorischen Kunstgestaltern folgten,
klipp und klar und simpel erklärt hätten: „Wir
machen uns zur Aufgabe, die Pflege konserva-
tiver Kunst, wie sie uns von unseren Vorfahren
überliefert wurde." Wir besäßen dann aller-
dings die „Venus von Willendorf" nicht nur
einmal, sondern viele hundertmal, dagegen aber
keine Venus von Milo, keine Madonna von Til-
mann Riemenschneider, von kostbaren Kunst-
werken späterer Zeiten ganz zu schweigen.
Was wäre nun besser?

Einer der großen geistigen Führer der Deut-
schen schrieb einmal: „Es gibt für den Men-
schen nur eine Schuld, die, nicht er selbst zu
sein: denn dadurch, daß er dieses nicht ist, lehnt
er sich gegen den auf, der seine Existenz ge-
wollt, und als eine so und so bestimmte gewollt
hat, nicht die aus Fleisch und Blut geborene,
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