Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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ZUM 100. GEBURTSTAG ARNOLD BÖCKLIN'S.

(geb. am ig. oktober 1827)

Hundert Jahre nach Böcklins Geburt ist der
laute Streit, der zwei Menschenalter lang
um seine Kunst getobt hat und immer wieder in
anderer Form aufflackerte, verstummt. Das auf-
reizend Neue, das er mit seinen Gegenständen
und Farben brachte, erscheint im Weitblickläogst
nicht mehr so außer allem Vergleich; und die
Anfechtung, die er durch einseitige Kunstlehre
erfuhr — der „Fall Böcklin" des unruhevollen
Meier-Graefe — ist an dem Felsen nationaler
Achtung beinahe spurlos vorübergerauscht.

Historisch hat Böcklin seine sehr bestimmte
Einordnung erfahren als größter Vertreter der
„Deutsch-Römer" von 1870 neben Marees; im
Zusammenhang europäischen Kunst - Erlebens
von säkularer Bedeutung steht er im Mittelpunkt
der idealistischen Reaktion gegen den impressio-
nistisch-materialistischen Block von Courbet bis
Liebermann; und als phantasievollster Erfiiiler
des romantischen Ideals neben Richard Wagner.
Schweizerisches Urwesen, das aus den Tagen
der Niklas Manuel und Urs Graf bis zu Hodler
und Huber führt, mischt sich in ihm mit dem all-
gemein deutschen Drang nach Gestaltung einer
gewaltigen Traumwelt. Der gebürtige Basler,
der sein Stärkstes in München und Florenz und
in der Züricher Nachbarschaft von Gottfried
Keller geschaffen hat, steht uns längst nicht mehr
isoliert unter den gehorsamen Abschreibern der
Natur, die er als Zeitgenosse verachtete. Für
uns rauscht der große belebende Strom deut-
scher Phantasiekunst seit tausend Jahren, der
die Romantiker zu Goethes Zeiten trug und der
in unsern Tagen stärker denn je das Bild der
Kunst bestimmte. Ihm gehört Böcklin an.

Allerdings ist nicht die Rede von dem starren
Prinzip des l'art pour l'art, das jede Gestal-
tung der Welt mit mokanten Blinzeln verdäch-
tigte. Die Ansicht, daß es einzig auf die Quali-
tät der Malweise ankäme, hat ihre Jünger und
ihre Zeit gehabt; es war eine flüchtige Laune
des 19. Jahrhunderts, in Deutschland bis ins
zwanzigste nachbetend verschleppt. Am Bei-
spiel Manets und Leibis gemessen, ist Böcklins
Malerei abweichend und also minderbedeutend;
am Beispiel Böcklins gemessen, ist Phantasie
und Darstellungskraft der Leibi und Manet ge-
radezu kläglich und keiner Erwähnung wert.

Aber uns dient nicht mehr das Ausspielen
eines einseitigen Prinzips gegen das andere, son-
dern wir fragen, was uns das Werk eines Künst-
lers bedeutet und welche Reichtümer es uns gibt.
Von diesem Standpunkt aus ist Böcklin vielleicht

nicht minder wertvoll als Leibi; vielleicht sogar
kostbarer. Man zähle die gewichtigen Stimmen
und man wäge sie. Die Qualität von Kunstwerken
hegt im Gebiet der seelischen Bereicherung.

Wenn die Franzosen und die außergermanische
Umwelt Böcklin ablehnen, so ist das eine An-
gelegenheit ihrer geringeren Empfänglichkeit und
beweist vielleicht etwas gegen ihren Reichtum
an Gemütswerten, aber bestimmt nichts gegen
unsere Wertung Böcklins als eines phantasie-
gewaltigen Darstellers.

Stellen wir die nationalen Größen der franzö-
sischen und italienischen Kunstgeschichte denen
unsrer deutschen gegenüber, so geht die Rech-
nung niemals auf. Was die großen Deutschen seit
den Bamberger und Naumburger Bildhauern von
1250 auszeichnet, ist die Stärke der Charakter-
gestaltung und der Vorstellungswelt. Und hier
gehört Böcklin unstreitig zu den Großen der
deutschen Kunst.

Das unterscheidet ihn z. B. von Feuerbach,
der stets am Modell hing, und selbst noch von
dem alten Corinth, der allerdings einer unsrer
größten Maler war, daß er die Wirklichkeit ent-
behren konnte, sofern es sie zu imitieren galt.
Böcklins Welt gehört ganz und gar seiner un-
geheuren Phantasie an, die alles Lebendige in
sich als Material aufgespeichert hatte, zu sofor-
tigem Gebrauch. Die schöpferische Kraft der
Vorstellung ist das Bewegende in der deutschen
Kunst. Und so, nicht weil er unerhört Neues
produzierte — seine Najaden und Seeräuber
sind Eigentum der abenteuernden Seele von
Homer bis Jack London — sondern weil er
seinen innerlich geschauten Gebilden Leben
und Wahrheit verschaffen konnte, ist Böcklin
ein großer Bildner und Gestalter deutscher Sehn-
sucht geworden.

Daneben verblaßt beinahe seine Bedeutung
als Erfüller der romantischen Idee und als
Vorbereiter der heutigen „Sachlichkeit". Das
romantische Ideal der reinen Farbe, deren psy-
chologische Primärwirkung er begriffen und er-
füllt hat, und die Schärfe und Präzision seiner
plastischen Zeichnung und Kontrastfarben, diese
Erfüllung jahrhundertalter Bestrebungen in sei-
nem Werke, wurde unter höherem Aspekt nur
Mittel zu seinen Zielen. Diese zu nennen ist
so einfach, wie die Ausführung schwierig und
nur als Resultat eines langen und fruchtbaren
Arbeitsdaseins zu denken ist: die Gewalt der
Phantasie zu verwirklichen in überzeugender
Gestaltung.............. faul f. schmidt.

- 1927. ii .2
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