Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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E. J. SCHMIDT
LEINEN-
DRUCKSTOFF
DEUTSCH E
WERKSTÄTT.

ARCHITEKT UND BILD

FORTSETZUNG VON S. 314

Ausgangspunkt muß uns die Architektur sein.
Sie ist, wie gesagt, die Mutter der Künste. Ihr
haben sich die andern, die Malerei, die Plastik,
einzuordnen. Ihr haben sie zu entsprechen. —
Immer war es die Architektur, die auf den Typus
der andern Künste eingewirkt hat. Im Mittel-
alter verlangte sie das linear gestaltete Fresko.
In der Renaissance schuf sie den reich möblierten
Innenraum, der das Tafelbild als Wandschmuck
verlangte. Im Barock schuf sie Räume, die einer-
seits das repräsentative Tafelbild, anderseits
das hochillusionistische Deckengemälde erstehen
ließen. Die Intimität des Zimmers imneunzehnten
Jahrhundert führte dann die grandiose Entwick-
lung der Malerei herauf bis zu ihrem Höhepunkt
im Impressionismus, der den engen Wirklichkeits-
raum des Zimmers durch den unendlichen Illu-
sionsraum des Bildes mit neuen, dem Zimmer-
Alltag enthobenen Empfindungen ausstattete.

Hinter dem Impressionismus setzt die Trenn-
ung von Architektur und Malerei ein. Intensiver
beobachtet: man spürt das Versagen der Archi-
tektur, — die Malerei glaubte selbständig das
neue Bild schaffen, glaubte einer eklektischen
Architektur entraten zu können. Die Entwick-

lung des Expressionismus mit Gelüsten zur Mo-
numentalmalerei setzte ein. Aber die Wände,
d. h. Architektur für solche Monumentalmalerei
fehlten. Die Malerei war auf ihrem Weg zu
weit vorgeprellt und sah sich am Ende vor einem
Nichts: kein Umraum war gestaltet worden, der
sie hätte aufnehmen können.

Inzwischen war aber auch die Architektur
zu neuen Impulsen gelangt und hatte aus diesen
Impulsen heraus eine Entwicklung angetreten,
die zu echten Formen und zu einem neukonzi-
pierten Raumbild führten. Was wir heute in
Stuttgart sehen, ist die erste eindrucksvolle
Dokumentation dieser neuen Architekturgesinn-
ung. Wir sagten schon: diese heutige Architektur
scheint den Bildschmuck zu verschmähen. Sie
gliedert und organisiert ihren Innenraum ganz
aus architektonischen Formideen heraus, die
nicht imstande sind, das Bild, so wie es sich
heute entwickelt hat, einzubeziehen.

Beruht die Diskrepanz zwischen den beiden
Künsten vielleicht in einer verschiedenen, ja
vielleicht entgegengesetzten Entwicklungsrich-
tung ? Die Entwicklungsrichtung der Architektur
ist eindeutig nach vorwärts eingestellt. Bei der
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