Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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WALDEMAR
RAEMISCH.
»KAKTEEN-
HALTER«

GEISTIGE LEBENSBEDINGUNGEN DER KUNST

VON DR. HERBERT HOFMANN

Es ist nicht gleichgültig, unter welcher Sonne
ein Künstler der Welt geschenkt wurde,
welche Landschaft ihm die ersten, die immer ge-
waltigsten Eindrücke in das Bewußtsein prägte,
welcher besondere Erdgeruch von seinem Atem
aufgesogen wurde und welche Menschen dieses
zuerst erfaßte Bild von Gestalt und Wesen der
Welt ergänzten und fortan beeinflußten.

Die Landschaft formt ihren Menschen; das
Gebirge einen anderen als das Meer, und die
unendliche Ebene einen anderen als die rüt-
telnde Stadt. Der Himmelsstrich grenzt ein
Temperament, eine Eigenseele ab, und Rasse
und Nation bestimmen Substanz und Rhythmus
des Blutkreislaufes. Auch die Bewegung des
Lebens selbst, die müde und eintönig ist in der
selbstgeruhsamen Enge der kleinen Landge-
meinschaft, die sich aber unter dem Eindruck
tausendfältiger Bilder und Bedrängnisse in der
großen Stadt verwirrt und bestürzt und nur in
der gesteigertsten Erregtheit des Daseins zu
befreien vermag, diese Bewegung aus äußerem
Anstoß teilt sich dem inneren Menschen mit
und strömt als bildende Energie in die emp-
fänglichen Tiefen der Seele ein, wo sich in den
Jahren des Reifens das Weltverhältnis gründet.

Für den Künstler bedeutet die Weite und
Heftigkeit dieses Erlebens, dieser innerlichsten
Begegnung mit dem Gesicht der Landschaft und
mit den dahinter verborgenen Geheimnissen und
schlummernden Kräften, die er fast hellseherisch
erschaut und in seine Seele einsenkt, die eigent-
liche, die geistige Lebensbedingung seiner Kunst.
Was wir innere Gesetzmäßigkeit des künstle-
rischen Schaffens nennen, die spezifische Art
des in ihm offenbarten seelischen Weltverhält-
nisses, ist nichts anderes als der durch den Eigen-
willen der Persönlichkeit gefilterte Niederschlag
jenes psychisch-physischen Weltbegreifens.

Und ist dem Künstler hieraus schon im frühen
bildsamen Kindesalter die schicksalhaf teLebens-
melodie erwachsen, die ihn unerbittlich beglei-
tet, aufreißt und niederquält, so zwingt sie auch
noch den gereiften Mann, ihrer Sehnsucht zu
lauschen und zu folgen. Wenn sie auch dann
nicht mehr dieselbe ist, wie einstmals, als sie
das Kind zum ersten Male wahrnahm und wie
ein fremdes, verhülltes Geheimnis in sich fürch-
tete. Sie hat sich vertieft und verstärkt, ge-
dehnt und verzweigt; sie ist bedrückender ge-
worden im Schmerz, leidenschaftlicher in der
Freude; vielleicht aber auch versöhnlicher. —

XXXI. Dezember 193T. 7 *
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