Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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ARCHITEKTUR UND BILD

Wir gehen von einer Tatsache dieses Som-
mers aus: — in Hamburg wurde eine
Ausstellung europäischer Kunst gezeigt, in der
einige hundert Künstler zirka vierhundert Bilder
und Plastiken aufgestellt hatten, — in Stuttgart
wurde eine Ausstellung von moderner Archi-
tektur gezeigt, auf der sechzehn europäische
Architekten ihr Ideal eines heutigen Wohnhauses
hingestellt hatten. Man sollte glauben, die Bilder
von Hamburg könnten in die Häuser von Stutt-
gart einziehen. Aber nein. In allen den drei-
unddreißig Häusern der Stuttgarter Weißenhof-
siedlung war kaum ein einziges Bild zu sehen,
ja, fast alle diese Häuser vermögen wohl über-
haupt nicht Bilder aufzunehmen. Ihre ganze Ar-
chitektur zielt ab auf bildlose Wände. Höchstens
hie und da eine dekorative Tafel, ein dekoratives
Blatt, — fast nirgends ein Raum, der nach der
Ausschmückung durch ein Gemälde verlangte.

Man muß diese Tatsache in ihrer ganzen
Kraßheit aussprechen, um ihre Fragwürdigkeit
zu bewerten: heutige Architektur, so wie sie
sich in Stuttgart darstellt, schließt den Bilder-

schmuck des Innenraumes aus, zumindest: sie
scheint weitgehend ihn vermeiden zu wollen.
Was es für die Architektur bedeutet, bleibe hier
unerörtert. Für die zeitgenössische Malerei je-
denfalls bedeutet es eine Katastrophe. Denn
wofür malen die heutigen Künstler denn, wenn
nicht für die Wohnräume der Zeitgenossen. Doch
nicht nur für Galerien und Kabinette der Sammlei!
Ja man kann die Tatsache noch schneidender
formulieren. Die Architektur, die Mutter unter
den bildenden Künsten, schließt ihre Tochter,
die Malerei aus, — sie will zur Zeit nichts von
ihr wissen.

Man verarge uns nicht diese Zuspitzung: um
diese sehr aktuelle Kunstfrage klar zu sehen,
hat man sie sich radikal vorzulegen. Was ergeben
sich aus dieser Tatsache für Konsequenzen ? Von
welcher Seite aus kann dieser unhaltbare Zu-
stand geändert werden? Denn, daß er geändert
werden muß, dürfte doch jedem einleuchten,
der in einem klar ausgewogenen Kräftespiel
innerhalb der Einzelkünste das Gedeihen der
Kunst überhaupt erblickt. . . Fortsetzung s. 320.

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