Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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Von der ErzicJuing gegen die Kunst

keit gegeben wird. Was soll man aber (um nur
eine Erscheinung herauszugreifen) erst zu jener
Abschreckungs-Methode sagen, die ungeachtet
aller Verbesserungsversuche die meisten heu-
tigen Bildungsanstalten immer noch mit einer
Selbstverständlichkeit üben, als ob es gar nicht
anders sein könnte!

Erinnert ihr euch noch aus euerer Jugend all
der Praktiken, die, wenn auch in noch so sanfter
Weise gebandhabt, doch unermüdlich am Werke
waren, um euch die Beschäftigung mit Sachen
der Kunst zu verleiden? Wie ihr immer wieder
auf die Schulbücher hingewiesen wurdet, in
denen doch nichts von Kunst stand, wie euer
Kunstbedürfnis bestenfalls mit Nachsicht als
eine Harmlosigkeit, jedenfalls aber als ein Ver-
gnügen, als Luxus hingestellt wurde, den man
sich erst nach getaner Arbeit leisten dürfe, wie
euere Verlorenheit an die Erregungen der
Kunst oft gerügt und das Kreuz des „Non
scholae, sed vitae diseimus" schließlich drohend
vor euch aufgerichtet wurde, um euch auf den
„rechten" Weg zu bringen. Als ob die Kunst
nicht Teil hätte an intensivstem Leben und es
fürs Leben nicht viel fruchtbarer gewesen wäre,
wenn ihr, statt euer Gedächtnis mit einer Un-
zahl von Dingen anzufüllen, die ihr vergessen
müßt, um zu euch selbst zu gelangen, lieber für
euere innere Bildung etwas getan hättet. Es
sollen hier die mittelalterlichen und frühneu-
zeitlichen Schulen durchaus nicht als Ideal hin-
gestellt werden; aber wenn dort die Künste
Lehrgegenstände waren, so zeugt das von einer
besonderen Einsicht: man fühlte sich ihnen
eben verbunden und wußte ihre Bedeutung
fürs Leben zu schätzen. Während man heutigen
Tages nicht oft und deutlich genug den Schülern

zum Bewußtsein bringen zu können glaubt, daß
Leben und Kunst durchaus nicht als eine Art
von Komplementen, von denen eines ohne das
andere leicht jeden Sinn verliert, sondern als
zwei grundverschiedene, durch die Kluft zwi-
schen zwei konträren Weltanschauungen ge-
trennte Dinge anzusehen seien und daß die Er-
tüchtigung fürs Leben durchaus der Wirkungen
der Kunst entraten könne. Wieviel Unheil
hat doch die von den Kindlichsten der Kind-
lichen immer wieder vorgebrachte Mißdeutung
jenes Dichterwortes vom Ernst des Lebens
und der Heiterkeit der Kunst gestiftet! Hier,
in dieser mißverstandenen Gegenüberstellung,
die man uns von Jugend auf einzuimpfen suchte,
liegt eines der Grundübel unserer heutigen
Schulerziehung; dieser, als Reaktion zur An-
schauung der Romantiker von der Universalität
der Kunst, auftretenden Lehrmeinung haben
wir es zum großen Teile zu danken, wenn die
meisten Heutigen einen solchen Abgrund zwi-
schen den ihr Leben bewegenden Kräften und
den Werten der Kunst fühlen, daß sie deren
klärenden Sinn nicht zu fassen vermögen oder,
weil sie ihre Sendung nicht begreifen, mit ihr
nicht einmal etwas zu tun haben wollen.

So unbedeutend diese Methoden auf den
ersten Blick erscheinen, sie vermögen doch in
den empfänglichen Gemütern unermeßlichen
Schaden zu stiften. Mit dieser Ideologie, die
geradezu der Leitstern der heutigen offenbar
eminent kunstfeindlichen Jugenderziehung ge-
worden ist, müßte vor allem gründlich aufge-
räumt werden; erst dann kann man sich von
der allenthalben angebahnten Erziehung zur
Kunst einen vollen und nachhaltigen Erfolg ver-
sprechen................... DR. H.H.

ZU DEN VORSTEHENDEN GEMÄLDEN

Die beiden Gemälde von Andre Derain,
der Galerie Flechtheim gehörig, repräsen-
tieren vollgültig die starke, plastische Art des
Meisters. Nüchternheit und Schwung, rationale
Klarheit und lebensvoller Rhythmus treffen in
ihr auf einem hohen Punkte zusammen. Beson-
ders in dem „Weiblichen Halbakt", der hier
farbig wiedergegeben ist, sieht man eine Dich-
tigkeit des Lebens, die sich stolz gegen die auf-
lösenden Tendenzen der Gegenwart behauptet,
dazu eine Noblesse der Form, eine Spannung der
Linien, eine Vornehmheit der Farbe, die dieses
Werk in eine fast klassische Sphäre heben.

Die vier andern Gemälde (von Signac,
D e s p u j o 1 s nnd M a t i s s e) entstammen dem
diesjährigen „Salon des Independants". In

Signac und Matisse wirken, trotz aller Unter-
schiede zwischen ihnen, impressionistische An-
triebe nach. Leicht und schimmernd schwebt
die Landschaft und die Gestalt heran, ein Traum
von Farben, ein Gedicht von Linien, in eine
sublime Heiterkeit getaucht, weil ohne Stoff
und Schwere gesehen; ganz sinnlich und freudig
aufgefaßt. Matisse besonders stellt das Wirk-
liche nicht dar, er „gibt es an", er spielt die
Linien des großen Weltgefüges gleichsam auf
einem leichten Saiteninstrument nach. Was in
Wirklichkeit Drama oder Epos ist, gibt er in
knapper aphoristischer Form wieder; es ist eine
Kunst, die sich mit dem Duft der Erscheinung
begnügt und immer nahe daran ist, das Leben-
dige in ein großes Ornament zu verwandeln. —
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