Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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DER NEUE BILDERSTURM

VON DR. PAUL FECHTER

Die Maler haben Pech. Erst kam die Inflation
und verteuerte Leinwand und Farbe so sehr,
daß kein Mensch sie mehr kaufen konnte, und daß
die Aquarelle eine Hochkonjunktur erlebten,
von der aus sich das Publikum gewöhnte, auch be-
maltes Papier als Bild aufzufassen und nicht nur
dickes Öl für vornehm zu halten. Dann kam die
Stabilisierung, und die Leute, die Kunst während
der Papiermarkzeit immerhin noch als Sachwert
schätzten, hörten überhaupt auf zu kaufen. Man
gründete Notgemeinschaften, Kunstverleihan-
stalten, staatliche Bildergeschäfte auf Abzahlung,
um auf diese Weise langsam etwas von dem
verlorenen Terrain wieder zu gewinnen. Und nun
passiert das Schlimmste, was passieren kann:
es kommt ein neuer Stil, der nichts von Joseph
und seinen Brüdern weiß und roh und lieblos
dekretiert: mit einer wirklich modernen Einrich-
tung von strenger Sachlichkeit vertragen sich
überhaupt keine Bilder! Malerei ist vom Übel.
Der Mensch von heute, der es mit Le Corbusier
und Oud und Korn hält, braucht keine Bilder.
Sie sind überflüssig, störend, romantisch, un-
sachlich; sie passen nicht mehr in die Zeit des
Rolls Royce, der Ozeanflüge und des Zehn-
röhrenapparats.

Halten Sie das bitte nicht für Übertreibung!
Die Dinge liegen wirklich so. Die Architektur,
die Mutter der Künste, macht es wie Vater Kro-
nos: sie beginnt ihre eigenen Kinder aufzufressen.
Stellen Sie sich einmal ein streng modernes, rein
aus kubischen Vorstellungen entwickeltes dyna-
misch gegliedertes, vom Maschinenideal aus be-
stimmtes Zimmer vor. Da ist die Sitzmaschine,
die Schlafmaschine (diese hübschen Worte für
Stuhl und Bett hat Wilhelm Pinder erfunden);
da sind noch einige andere Maschinen, die zu-
sammen die Wohnmaschine bilden. Eine Wand
nimmt das Fenster vollständig für sich in An-
spruch, in eine andere sind die Kleiderbewahr-
maschinen eingebaut; der Rest ist sanatoriums-
weiß gestrichene, blankgeschliffene Fläche, in
die nur ein Eingang rhythmisch hineingeschnitten
ist. Was soll da ein Bild? Es ist widersinnig,
es stört, es hat nichts dort zu suchen. Haben
Sie schon einmal gesehen, daß man ein Bild, ein
Gemälde an einer Maschine aufhängt?

Im Ernst, die Tendenz auf diesen Purismus,
diesen Bildersturm hin ist nicht mehr zu über-
sehen. Indem die neue Sachlichkeit der Architek-
tur und der Möbelkonstruktion jeden Schmuck,
der nicht aus der Funktion, oder wie man früher
sagte, aus dem reinen Zweck des Gegenstandes

wächst, verpönt, muß sie selbstverständlich
auch den Wandschmuck, das Bild verwerfen.
Sie kann den Maler nur noch im Sinn des
russischen Suprematismus gebrauchen als einen
Mann, der imstande ist, eine Fläche schön gleich-
mäßig, sauber, reinlich und appetitlich anzustrei-
chen. Eine weitere Verwendung hat sie für ihn
nicht. Man braucht sich nur einmal einen Rem-
brandt im Goldrahmen an der Wand eines Bau-
hauszimmers vorzustellen, um zu sehen, daß sich
das beim besten Willen nicht verträgt.

Was folgt daraus? Das Ende der Malerei?
Rückkehr der Kunstmaler zu den Anstreichern?
Den Flächenbehandlern? Ich glaube kaum. Hier
und da haben es die Maler zwar bereits mit der
Angst gekriegt, und der Kunsthandel, der die
Künstlersteindrucke verkauft und graphische
Blätter als Wandschmuck feilbietet, sieht sich
bereits ebenso in seiner Existenz bedroht wie
die mit Porzellan und Glas und Keramik han-
delnden kunstgewerblichen Firmen, deren Er-
zeugnisse die neue Sachlichkeit ebenso energisch
in den Orkus verbannt wie vor dreißig Jahren
das damals neue Kunstgewerbe die alten Nippes-
figuren. Aber seien wir ehrlich. Die leben heute
noch trotz des neuen Kunstgewerbes genau so
weiter wie damals, und genau so werden dieVer-
leger von Künstlersteindrucken und graphischen
Blättern und die Maler und die Aquarellisten
und die Zeichner weiterleben. Denn diese ganze
Tendenz zur neuen Sachlichkeit ist zum Teil
Konsequenz eines Besinnungsprozesses, zum
Teil ein letzter, verzweifelter Versuch, die Archi-
tektur durch Zurückgehen auf die primitivste,
greifbarste Form des Raums, auf den Kubus und
das strenge rechtwinklige Koordinatensystem
noch einmal zum Leben zu erwecken, bevor man
endgültig zugibt, daß die Architektur im alten
Sinn längst tot ist und heutiges Bauen eine Be-
schäftigung, die mit dieser Kunst vergangener
Zeiten nicht das mindeste mehr zu tun hat.

Das besagt nichts gegen die neue Sachlichkeit.
Sie ist heute das, was vor einem Menschenalter
Sanatoriumsstil hieß und der hat auch seine guten
Folgen gehabt. Die Mißverständnisse ergeben
sich nur, wenn man falsche Vergleiche zieht, wie
sie in dem bereits berühmt gewordenen Wort
von dem Haus als Wohnmaschine enthalten sind.
Eine Wohnmaschine wäre nach allgemeinem
Sprachgebrauch nämlich eine Maschine, die
wohnt, wie eine Bohrmaschine eine Maschine
ist, die bohrt, eine Nähmaschine eine Maschine,
die näht. Das Wort Wohnmaschine müßte, wenn
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