Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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INTERNATIONALE BUCHKUNST-AUSSTELLUNG LEIPZIG 1927

II. AUSLAND

\V/ar die gegenwärtige Problemstellung für
W die deutsche Buchkunst durch das biolog-
ische Moment der Generationsvollendung, d. h.
durch die höchste Reife einer drei Jahrzehnte hin-
durch gesteigerten Arbeit einer geistig in sich
konsolidierten Künstlergruppe bestimmt, und
bed eutete darum das Ereignis der Leipziger Aus-
stellung für diese dominierende Gruppe gleich-
sam eine späte Selbstdarstellung, ein spätes —
keineswegs das berechtigt letzte — Selbstbild-
nis, das, wie bei einem Menschen, den Ablauf
eines langen Lebensschicksals in geistiger Kon-
zentration offenbart, so ist die Problemstellung
für das Ausland — summarisch betrachtet —
wesentlich lockerer umrissen. Zwar kreisen
auch hier die künstlerischen Intentionen um die
gleichen Grundprinzipien und kristallisieren aus
diesen artverwandte Grundgesetze der Buch-
ästhetik heraus. Aber Zeitmaß und Antriebs-
energie dieser Bewegung unterscheiden sich
durch das Temperament der Nation, durch den
Anteil der bildnerischen Urkraft, die aus den
Tiefen bodenverhafteter Volkskultur aufströmt
und sich mit den modernen Elementen eines
allgemein europäischen Kulturausgleiches zu
neuer Wertbildung kreuzt. Im Grunde geht es
hierbei um eine schicksalhafte Auseinander-
setzung zwischen der imponierenden Aktivität
einer übernationalen Zivilisation und der zäh
um letzte Lebensgeltung ringenden volkhaften
Gestaltungsimpulse. Sofern diese — wie etwa
in allen osteuropäischen Ländern — aus dem
reichen geistigen Speicher einer altgewachsenen
Tradition zehren, braucht man um ihr vor-
schnelles Ersterben nicht zu bangen. Wirken

aber politische Katastrophen zerstörend in die
national-kulturelle Struktur der Volksseele ein,
wie in Rußland oder in der Tschechoslowakei,
so mag es kommen, daß jene gefährlichste, zeit-
symptomatische Zivilisationsmacht des „ Ameri-
kanismus" die noch vorhandenen matten Spuren
nationaler Eigengestaltung mit roher Geste
überglättet. Hierbei an eine „kulturelle Heilig-
keit" oder an eine gesteigerte „Weltlichkeit"
der nationalen Haltung zu glauben, ist ebenso
abwegig, wie in Verkennung jener bluthaft be-
dingten Kulturvoraussetzungen die Leipziger
Konferenz zu einer Gelegenheit „friedlichen
Wettstreites der Nationen" zu entstellen. Die
Kritik, die naturgemäß dem eigenen nationalen
Empfinden am stärksten verhaftet bleibt, kann
nur die Frage nach dem Ethos und der geistigen
Reife des jeweils erreichten Grades nationaler
Formentwicklung aufwerfen.

Daß dieses Bild der Buchkunst von 19 aus-
ländischen Staaten unverfälscht, ohne politische
oder behördliche Verfärbung, absolut charakte-
ristisch für die Eigenkritik der Länder geformt
worden ist, garantiert die Auslese der Kollek-
tionen, die durch „Vertrauensmänner" und füh-
rende Künstler ihres Faches in den verschiedenen
Staaten erfolgt ist. Unberührt von dieser Fest-
stellung bleibt allerdings die Frage, inwieweit
diese Komitees den buchkünstlerischen Erschei-
nungen ihres Landes gegenüber, die ebenfalls
infolge natürlicher Generations - Unterschiede
ausgeprägte formale Spannungen aufweisen,
eine unbefangene Einstellung gefunden haben.

Bezeichnenderweise kann man bei den bei-
den Ländern, die in scharfem prinzipiellem Kon-

XXXI. November 1937. 6
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