Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 61.1927-1928

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Ijchtphantasien von Francis Bruguiere

von Man Ray-Paris auch interessante eigene
„Photogramme" in dieser Art. Er weist mit
Recht darauf hin, daß die abstrakt - zeichne-
rischen Trickfilme von Walter Ruttmann und
die „Farblichtsymphonien" vonLaszlöim Grund-
streben mit den photographischen Lichtphan-
tasien verwandt sind. Es ist bemerkenswert,
daß Hugo Erfurth, der unter den deutschen
Lichtbildnern unbestritten eine führende Stel-
lung einnimmt, sich ebenfalls auf diesem Ge-
biete versucht hat. Eine seiner Lichtphantasien,
eine dekorative Anordnung von Kreisen, Ellip-
sen, hellen und dunklen Balken in der dunkeln
Bildfläche ist im Novemberheft dieser Zeit-
schrift wiedergegeben.

Die Arbeiten von Francis Bruguiere haben
nun aber eine Besonderheit. Sie gehen aus der
Fläche heraus, an welche die bisherigen Ver-
suche meistens gebunden blieben. Es sind nicht
photographische Selbstdrucke auf Papier ohne
Hilfe der Kamera, sondern wirkliche Kamera-
bilder. Er hat augenscheinlich Lichtbündel auf
irgendwelchen Gegenständen ohne sachlich-
natürliche Bedeutung, abstrakten Skulpturen,
Ornamenten oder ähnlichem konzentriert, Licht-
ströme frei und phantastisch darum spielen
lassen und erreicht durch die photographische
Aufnahme dieses Lichterspiels eine viel leben-
digere Abstufung nicht nur von Licht und Schat-
ten, sondern auch eine von Linien- und Flächen-
wirkung unterstützte Körperlichkeit des Lichts
von viel größerem und eigenartigerem Reiz, als
es bei den nur in die Fläche projizierten deko-
rativen Entwürfen im Selbstdruckverfahren

möglich ist. Bei Bruguiere modelliert das Licht
hier in breit geschwungenem Fluß Bänder und
Wölbungen heraus, dort zittert es hin und her
und scheint sich in harten Winkeln und kristall-
artigen Reflexen zu brechen, und dort wieder
setzen sich helle und dunkle Flächen bald in
starker, bald in sanfter toniger Spannung neben-
und übereinander, scheinen sich bald zu über-
decken, bald sich emporzuwölben.

Bruguiere ist zu seinen Versuchen seit 1912
als Theaterphotograph durch die Aufnahme von
Theaterszenen bei Bühnenbeleuchtung angeregt
worden. Als er sah, was mit Hilfe moderner
Beleuchtungstechnik auf der Bühne erreicht
werden konnte, welchen Eigenwert das Licht
als illusionsbildendes Element dort erreicht,
kam er auf den Gedanken, das, was auf der
Bühne im Großen geschieht, in den engen Raum
des Lichtbildes zu projizieren und die Eigen-
wirkung des Lichtes dort noch viel stärker zu
konzentrieren und herauszuarbeiten. Und das
ist ihm unstreitig gelungen. In seinen Bildern
führen Licht und Schatten ein ganz eigenartiges,
intensives Leben, schaffen, von seiner Hand
gelenkt, neue, phantastische Formen unwirk-
licher, man möchte fast sagen: überwirklicher
Art. Wer für das mannigfache Spiel des Lichtes
in der Natur ein Organ hat, der wird auch für
das spielende Leben des Lichtes in dieser aus
der Phantasie des Künstlers allein geschaffenen
Welt ein Auge haben und wird aus ihrer so-
genannten „Sinnlosigkeit" auch den tieferen,
künstlerischen Sinn herauszufinden und zu ge-
nießen imstande sein............dr. w. w.

DIE ZUKUNFT DES PHOTOGRAPHISCHEN VERFAHRENS

Die Photographie als Darstellungskunst
ist nicht eine einfache Naturkopie. Das be-
weist schon die Seltenheit einer „guten" Photo-
graphie. Unter den in illustrierten Zeitschriften
und Büchern erscheinenden Millionen Photo-
graphien findet man nur hin und wieder wirk-
lich „gute" Aufnahmen. Das Merkwürdige und
gleichzeitig für uns als Beweis Dienende dabei
ist, daß wir mit sicherem Instinkt die „guten"
Photos überall unfehlbar herausfinden, unab-
hängig von der Neuheit oder Unbekanntheit
des „Thematischen". Es entsteht ein neues
Qualitätsgefühl für das Hell-Dunkel, das strah-
lende Weiße, die mit flüssigem Licht gefüllten
schwarz-grauen Übergänge, den exakten Zauber
feinsten Gewebes: ebenso in den Rippen der
Stahlkonstruktion wie in dem Schaum des
Meeres — und das alles festzuhalten im hun-
dertsten oder tausendsten Teil einer Sekunde.

Es gibt auf dem Gebiete der Photographie
zweifellos eine ganze Reihe wichtiger Arbeiten,
durch die uns das unerschöpfliche Wunder des
Lebens vermittelt wird. Dieses war bisher die
Aufgabe der Maler aller Zeiten. Bei manchen
dringt aber heute schon die Erkenntnis von der
Unzulänglichkeit der alten darstellerischen
Mittel durch. Daher kommt es, daß die male-
rischen Bestrebungen der französischen Puristen
(Ozenfant und Jeanneret), das Wunder des
Lebens in seiner heutigen Gestalt unaufhörlich
zu zeigen, ein bedeutender Erfolg der Wechsel-
beziehung zwischen Photographie und male-
rischer Gestalt sind. Wenn die Photographie
zur vollen Erkenntnis ihrer wirklichen eigenen
Gesetze kommt, wird die Gestaltung der Dar-
stellung auf eine durch handwerkliche (manuelle)
Mitt el nie erreichbare Höhe und Vollkommenheit
gebracht werden, l.moholy-nagy (malerei,photogr.>film).
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