Heidelberger Volksblatt — 1.1868

Seite: 215
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ſo wird er doch nach und nach daran gewöhnt, und
welch eine Freude dann für die liebevollen Eltern,
wenn der Kleine ſich einen kleinen oder gar ſchon einen
großen Rauſch angeſchnallt hat! Daß aber das für die
phyſiſche und geiſtige Entwickelung ein wahres Gift iſt,
bedenken die Thoren nicht.
Während das Thier, je nach Maßgabe des Alters,
ſeine Glieder übt und ſtärkt, iſt es bei den Menſchen
viel ſeltener der Fall. Unſere Kinder werden zu frühe
und zu lange in dumpfige Schulſtuben geſperrt und zu
wenig und zu kurz in der freien Natur herumgetummelt.
Die naturgemäße Entwickelung des Körpers wird bei
den Mädchen namentlich noch dadurch beeinträchtigt,
daß man ſie oft ſchon im zarteſten Alter in die Zwangs-
jacke ſteckt, die man Schnürleib nennt, um ſo getliſſent-
lich die zarten Knochen zu verbiegen und die jungen,
vor Fülle des rieſelnden Blutes ſtrotzenden Adern gleich-
ſam zu unterbinden.
Jn demſelben Maße, als die Kenntniß der verſchie-
denen Genüſſe zugenommen hat, hat ſich auch unſere
Luſt am Raffinement vermehrt - und dies beſonders
in den höheren Ständen. Von der natürlichen ein-
fachen Koſt, die unſer Blut rein erhält, unſere Muskeln
nährt, unſere Nerven ſtärkt und Magen und Kopf ſtets
gute Freunde bleiben läßt, iſt man immer mehr abge-
wichen. Die ſo geſunden Nahrungsproducte des Pflan-
zenreichs haben hinter den ſo mannigfach geſpickten und
gewürzten, mit hautgout verſehenen Zubereitungen von
Fleiſchſpeiſen immer mehr zurückbleiben müſſen. Die
Fülle und das ſogenannte Pikante ſolcher Speiſe ver-
dirbt aber nach und nach ganz ſicher den Magen, macht
Muskeln und Nerven nach und nach ſchlaff und das
Blut dick und ſchwer.
Aehnlich verhält es ſich mit den geiſtigen Getränken
ſofern man bei dem Genuſſe derſelben von dem natur-
gemäßen Maße und von der geſunden Art abſieht. Es
wäre überflüſſig anzuführen, wie das nach und nach zur
Gewohnheit gewordene Trinken, oder beſſer: Zuvieltrin-
ken, Hunderte und Hunderte phyſiſch, ökonomiſch und
moraliſch in verhältnißmäßig kurzer Zeit ruinirt, den
Frieden der Familien untergraben, Hader und Streit
in Gemeinden und Geſellſchaften entflammt hat und ſo
unter allen diätetiſchen Sünden die verderblichſte und
unheilbringendſte geworden iſt, die man ſich denken
kann. Wie ganz anders war es in dieſer Beziehung
im Alterthum, wo man überhaupt den Winken der Na-
tur eher zu folgen geneigt war, als in der Gegenwart.
Dort ſchöpfte man meiſt von der friſchen Quelle, die
der Erde entſtrömt, badete oft den Körper in ihren er-
quickenden Fluthen und trank nie Wein, ohne ihn zu-
vor mit Waſſer vermiſcht zu haben. Daher wohl zum
großen Theil kam es auch, daß das Volk der Griechen
ſo lange in Jugend und Schönheit blühete und die
eherne Kraft der Römer die Welt eroberte. Wie viel
geſunder, geiſtig friſcher und willenskräftiger würde
unſer Geſchlecht ſein, wenn es ſich von den Anlockungen
geiſtiger Getränke, die, wenn mäßig genoſſen, Körper
und Geiſt gleich förderlich ſind, weniger verleiten ließe!
Auch hierin ſollte nns der Jnſtinkt der Thiere wie-
der lehren, daß wir auf die Freiheit unſeres Willen
beſſer Acht haben müſſen.

Menſchen und Thiere.
Wenn wir mit ſinnigem Auge in die Natur hinaus-
treten und die Pflanzenwelt in ihren tauſendgeſtaltigen
Formen und Farben betrachten: welche reiche Beleh-
rung ſchöpfen wir da nicht aus derſelben und welche
Fülle von unſchuldigen Freuden ſtrömt uns nicht aus
den Kelchen der Blumen und Blüthen entgegen! Aber
auch die Thierwelt bietet dem aufmerkſamen Beobachter
nicht minder wichtige Belehrung dar. Wir wollen nur
auf die diätetiſche Seite der Thiere aufmerkſam machen,
um ſofort zu zeigen, wie folgerichtig es für die leibliche
und geiſtige Wohlfahrt der Menſchen wäre, wenn ſie
ebenſo den Geſetzen der Freiheit treu blieben, wie die
Thiere an die Geſetze des Jnſtincts gebunden ſind.
Die Freiheit iſt's, das freie Denken und Wollen,
das die Menſchen ſo hoch über die Thiere ſtellt. Und
die Schuld an allen Unvollkommenheiten, Widerwärtig-
keiten dieſes Lebens, an allem Unglück, an Sünde und
Verbrechen iſt einzig und allein nur der Mißbrauch
unſerer Freiheit, die Mißachtung der zunſerm Geiſte
ſelbſt innewohnenden Geſetze. Jndem wir die unbe-
ſchränkteſte Freiheit beſitzen, um als die vollkommenſten
Geſchöpfe dieſer Erde ein edles, glückliches Leben zu
führen, ſinken wir, weil wir dieſe Freiheit mißbrauchen,
zuweilen in vielen Beziehungen unter die Thiere herab.
Dies iſt vorzüglich in diätetiſcher Beziehung der Fall.
Jn dem Jnſtincte hat das Thier ſeine Schranke;
über denſelben hinaus kann es nicht; wohl aber kann
der Menſch über die Geſetze der Freiheit hinausgehen.
Der Jnſtinct leitet daher das Thier immer ſicher. Es
wählt nur diejenige Speiſe, die ſeinem Organismus
zuträglich iſt; es ißt nicht mehr und trinkt nicht mehr,
als ſein jeweiliges Bedürfniß erheiſcht; es ißt und
trinkt auch zu keiner Zeit, als wenn es das wirkliche
Bedürfniß dazu hat, und dieſe Zeit iſt in der Regel
immer eine beſtimmie; es wartet die Verdauung ab,
geht zur gehörigen Zeit zur Ruhe und iſt am Morgen
mit den erſten Strahlen der Sonne ſchon wieder mun-
ter. Daher kommt es, daß die Thiere von jenem Heere
von Krankheiten, mit denen das geplagte Menſchenge-
ſchlecht heimgeſucht wird, gänzlich verſchont bleiben.
Man hat wohl auch Thierärzte, deren Wiſſenſchaft Krank-
heiten von Thieren vorausſetzen läßt; allerdings -
allein dieſe Krankheiten kommen nur bei denjenigen
Thieren vor, deren richtiger Jnſtinkt von der verkehr-
ten Ausübung der menſchlichen Herrſchaft über ſie
durchkreuzt wird, meiſtens bei den Hausthieren. Welch
ein munteres Leben dagegen bis zu ihrem Tode führen
diejenigen Thiere, die in der Freiheit ſind, die luſtigen
Sänger des Waldes, das kraftſtrotzende Pferd der un-
gariſchen Steppe u. ſ. w.: die wiſſen nichts von Zahn-
ſchmerz, Magenübel, Lungenentzündung, Leberverhär-
tung und wie unſere unzähligen Krankheiten alle hei-
ßen mögen.
Kaum aber erblickt der Menſch das Licht der Welt,
ſo kann die zärtliche Mutter nicht umhin, ihren Lieb-
ling von Stunde zu Stunde, damit er ja keinen Hun-
ger leidet und zufrieden iſt, mit Speiſe vollzuſtopfen.
Wird er etwas älter, ſo gibt man dem kleinen Aeffchen,
weil Wein, Bier, Branntwein u. ſ. w. den Eltern ſo
gut ſchmecken, auch von dieſen Getränken; obſchon fie
dem milchgewöhnten Gaumen nicht ſonderlich ſchmecken,
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