Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

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für ihre Weiterent-
wicklung sich wieder
günstiger gibt. Zwar
die Berechtigung, ja die
Notwendigkeit der
Kunst wird auch in
unserer Zeit wohl im-
mer anerkannt werden.
Dazu ist sie doch zu
sehr Bestandteil unse-
res Lebens geworden,
ist auch ihr veredeln-
der Einfluß zu sehr er-
kannt worden, als daß
man jemals wird wieder
auf sie im Ernste ver-
zichten wollen. Auch
ist der Kunsttrieb und
die Kunstfreude dem
Menschen doch viel zu
sehr angeboren, als daß
man jemals ganz ohne
dieselben wird auskom-
men können. So lange
wir Menschen kennen,
kennen wir auch Kunst.
So kann sie auch nie-
mals ganz verloren ge-
hen. In dieser Bezieh-
ung ist darum auch
wohl für die nächste
Zeit keine allzugroße
Gefahr vorhanden. —
Kein Anzeichen liegt
auch vor, die eine sol-
che befürchten ließe.
Im Gegenteil: der Wil-
le, sie zu erhalten und
zu fördern, ist überall
sichtbar. Ein Versiegen
derselben ist darum
auch für die nächste
Zeit kaum denkbar.
Auf die Masse der
Kunst kommt es dabei
durchaus nicht an. Wir
haben wohl in letzter
Zeit sogar eher zu viel
als zu wenig Kunst be-
sessen. Eine gewisse Uberproduktion ist wohl unleug-
bar gewesen und manche unliebsame Erscheinung der
Kunst der letzten Zeiten aus dieser nur zu leicht erklär-
bar. Die Kunst darf niemals etwas Alltägliches, etwas
Triviales werden. Das raubt ihr den Reiz des Besonde-
ren, des Außergewöhnlichen, vernichtet die Achtung vor
ihr. Was darum zu retten ist, ist nicht ihre Quantität,
sondern vor allem ihre Qualität: die Höhe, bis zu der sie
bisher gelangt ist. Hier liegt die eigentliche Schwierig-
keit der Aufgabe, hier auch die große Verpflichtung
unserer Zeit, der wir uns mit allen unseren Kräften wer-
den widmen müssen, wofern wir uns nicht für später mit
dem Fluche der Gleichgültigkeit gegenüber den Resul-
taten der Vergangenheit beladen wollen: die Kunst darf
nicht sinken, darf nicht minderwertig werden. Ein großer

DEUTSCHE WERK STATTEN —HELLER AU. LÜSTER MIT SEIDENSCHIRMEN

Teil ihrer bisherigen
Entwicklung würde
sonst damit für lange
Zeit verloren sein. —
Um dies zu verhindern
gilt es zunächst, wo-
fern die gesellschaft-
liche Schicht, die bis-
her die Kunst trug,
zusammenschrumpfen
sollte, die breiten
Massen, die an ihre
Stelle treten werden,
nach Möglichkeit zur
Kunst zu erziehen.
Diese Absicht scheint
ja auch vollauf zu be-
stehen. Es sind schon
mannigfaltigeVorschlä-
ge nach dieser Rich-
tung hin gemacht wor-
den , die hoffentlich
auch zur Ausführung
gelangen werden und
auch durchaus auf Er-
folg Aussicht haben.
Das Beispiel Japans
zeigt ja zur Genüge,
daß es gar wohl ein
Volk geben kann, das,
ohne reich zu sein, den-
noch bis in die unteren
Schichten hinab kunst-
empfänglich und kunst-
verständig zu sein ver-
mag, viel mehr als es
bei uns weit höhere
Schichten lange Zeit
gewesen sind. In die-
ser Beziehung braucht
man, wofern nur guter
Wille zur Tat wird, für
die Zukunft nicht ganz
ohne Hoffnung zu sein.
Weit schlimmer dage-
gen erscheint bei dro-
hender Verarmung und
der damit sich notwen-
dig verringernden Zahl
der kapitalkräftigen Kunstfreunde die künftige Finan-
zierung einer gesunden Kunst. Dem Staat, wie den Pri-
vatleuten wird es ganz sicherlich an den Mitteln fehlen,
die Kunst in genau dem gleichen Umfange zu fördern,
wie dies bisher geschehen. Eine Einschränkung wird
unerläßlich sein. Da aber gilt es scharf zu trennen, wel-
che Kunst gleichsam notwendig ist und welche we-
niger notwendig erscheint. Notwendig ist unzweifelhaft
die Kunst, die sich auf Gegenstände erstreckt, die wir
ganz unbedingt brauchen, ohne die wir nicht mehr recht
auskommen können und die darum auch in Zukunft durch-
aus hergestellt werden müssen. Das sind vor allem Häu-
ser, ihre Einrichtungen und Geräte. Ohne Häuser
können wir nicht leben, ohne Geräte und dergleichen nicht
unsere täglichen Verrichtungen vornehmen. Die Archi-

1919. VI. 3.
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