Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT PAUL RENHER—BERLIN

LANDHAUS MÖLLER BEI KON1GSWU&TERHAUSEN

tektur und die dekorative Kunst, das Kunstgewerbe sind
daher diejenigen Künste, die an erster Stelle auch in
Zukunft um jeden Preis zu pflegen sind, die auch
in früheren Zeiten, vom 19. Jahrhundert allein abge-
sehen, immer als die eigentlichen Grundlagen aller Kunst
angesehen worden sind. Wenn gebaut werden muß, muß
darum auch schön gebaut werden, wenn wir Möbel
brauchen, kann man verlangen, daß sie auch wohlgefällig
ausfallen. Bilder und Bildwerke jedoch, in unserer Zeit
so lange als der Inbegriff eigentlicher Kunst angesehen,
kann man zur Not entbehren. Sie sind stets Erzeugnisse
eines gewissen Luxus gewesen, darum auch immer ver-
hältnismäßig erst spät aufgekommen, haben dafür in man-
chen, gewiß nicht gerade als unkünstlerisch anzuspre-
chenden Zeitaltern gänzlich gefehlt. Ihre Ausbildung
kann daher keineswegs die erste, die hauptsächlichste
Aufgabe der kommenden, zur Einschränkung gezwunge-
nen Zeit sein. Sie werden gegenüber den zuerst genann-
ten Gebieten stark zurücktreten müssen und dies wird für
die Kunst vielleicht garnicht einmal ein zu großer Schaden
sein; denn gerade auf diesem Gebiete war in der letzten
Zeit die Überproduktion nur gar zu groß und dies darum
oft nur allzu verderblich.

Glücklicher Weise gibt sich die Ausbildung einer
ästhetisch befriedigenden Architektur und eines gleichen
Kunstgewerbes kaum kostspieliger, als die ihres Gegen-
teils. Ein schönes Haus zu erbauen kostet nicht mehr,
als ein schlechtes zu errichten........(schluss folgt.)

DIE HANDWERKLICHE GRUNDLAGE. Archi-
tekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige
Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen
Teilen wieder kennen und begreifen lernen, dann
werden sie von selbst ihre Werke wieder mit architek-
tonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst ver-
loren. Wenn der junge Mensch, der Liebe zur bild-
nerischen Tätigkeit in sich verspürt, wieder wie einst
seine Bahn damit beginnt, ein Handwerk zu erlernen, so
bleibt der unproduktive »Künstler« künftig nicht mehr
zu unvollkommener Kunstübung verdammt, denn seine
Fertigkeit bleibt nun dem Handwerk erhalten, wo er Vor-
treffliches zu leisten vermag. Architekten, Bildhauer,
Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurückl.. Der
Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers. Gnade
des Himmels läßt in seltenen Lichtmomenten, die jenseits
seines Wollens stehen, unbewußt Kunst aus dem Werk
seiner Hand erblühen, die Grundlage des Werk-
mäßigen aber ist unerläßlich für jeden Künstler. Dort
ist der Urquell des schöpferischen Gestaltens. Bilden wir
also eine neue Zunft der Handwerker, ohne die klassen-
trennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwi-
schen Handwerkern und Künstlern errichten wollte. Wol-
len, erdenken, erschaffen wir gemeinsam den Bau der
Zukunft, der alles in einer Gestalt sein wird: Architek-
tur und Plastik und Malerei, der aus Millionen Händen
der Handwerker gen Himmel steigen wird als kristallenes
Sinnbild eines neuen, kommenden Glaubens, w. gropius.
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