Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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I. BIEBER

FARRDORF am Bieberbach, südöstlich von Offenbach; früher Biberbah
(786), Byberach (1270), auch Bieberaha und Bebra in Moynegewe,
Biberawe (Anfang des 15. Jahrhunderts), später Bybera, Byberau,
Bibraw genannt.

Die noch jetzt im Volksmund fortlebende Bezeichnung Bieger und Bibraer Allgemeines
Mark für Bieberer Mark kommt schon in dem Weisthum von 1385 vor, welches
zwölf Schöffen des Stuhles von Bebra aufführt und in diesem Zusammenhang die
nahe bei Bieber gelegenen Orte Offenbach und Rembrücken besonders hervorhebt.
Der uralte Rechtsverband hatte zu Bieber seinen Oberhof. Hier versammelte sich
das Märkergericht als oberstes Gericht über die einzelnen Dorfgemeinden der Ge-
nossenschaft. Nachklänge des alten Markverbandes reichten bis zum Jahre 1819,
wo der grossentheils aus Weideland bestehende gemeinsame Grundbesitz unter die
Markgemeinden nach der Bevölkerungszahl vertheilt wurde.

Die katholische PfarrkircJie\ den hh. Nikolaus und Sebastianus geweiht, ist Kirche
eine der zahlreichen Sakralarchitekturen im Kreise Offenbach, welche in den letzten
drei Jahrzehnten entweder beträchtliche Umbauten erfahren haben oder an deren
Stelle vollständige Neuschöpfungen getreten sind. Die erstere Art baulicher Ver-
änderung trifft hinsichtlich der Bieberer Ffarrkirche insofern zu, als bei Errich-
tung des 187g vollendeten neuen Kirchenbaues der gothische Thurm eines im
15. Jahrhundert entstandenen Gotteshauses, sowie das in den Jahren 1706 und
1707 veränderte architekturlose Langhaus in die jetzige gothisirende Mutation ver-
schmolzen wurden. Der alte Thurm, dessen in schlichten Formen ausgeführter
Spitzbogeneingang geschont blieb, wurde durch die Ummantelung seiner Geschosse
mittelst Ziegelmauerwerk im Aeusseren gänzlich umgeschaffen und mit neuer Be-
dachung versehen, während das alte Langhaus dem Neubau als Querschiff ein-
gefügt wurde. Hierdurch gewann das Gebäude an Ausdehnung. Allein es verlor
gleichzeitig seine Orientirung, d. h. die bei älteren Kirchenbauten mit geringen
Ausnahmen beobachtete Richtung des Chores gegen Sonnenaufgang, indem nun
das Altarhaus, anstatt gen Osten, gen Norden zu liegen kam.

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