Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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KREIS OFFENBACH

im Privatbesitz. Am Schlussstein des im Stichbogen gewölbten Einganges ist ein
Lamm mit der Siegesfahne in Relief gemeisselt und die Jahreszahl 173Q daneben.
Ueber der von Arabesken eingefassten Inschrift amore et candore stehen die Initialen
P. S. K. P. S., die ohne Zweifel als Pater Sebastianus Kray Parochus Steinheimiensis
zu interpretiren sind, da Pfarrer Kray in den Jahren 1738 — 1741 das Gebäude
aus eigenen Rütteln erneuern Hess, domum parochialem antea speluncam suis
sumptibüs in commodiorem redigit formam, wie es in einer zeitgenössischen Aufzeich-
nung heisst. — Ein benachbarter alter Fachwerkbau, mit hübschem Thürklopfer am
gothischen Eingang, lehnt sich unmittelbar an die städtische Beringung, deren
Mauerzug an dieser Stelle schon vor längerer Zeit niedergelegt wurde, um der
Erweiterung der Stadt Raum zu schaffen und den freien Platz im Westen der
Pfarrkirche zu gewinnen. - Das vormalige kurfürstliche Hof bräuhaus, welches heute
noch im Dienst des Gambrinus steht und ebenfalls dicht bei der Stadtbefestigung
gelegen ist, zeigt am Thorbogen die Jahreszahl 1521 und am Gebäude selbst einen
von Palmetten umrankten Denkstein von 1609. Von den beiden in die Hochwände
eingelassenen Wappen deutet das eine auf den Kurfürsten Georg Friedrich von
Greifenklau, 1626 -1629, das andere auf den Kurfürsten Anselm Franz von
Ingelheim, 1679 —1695. — Auch die Zehntscheuer, ein gediegener Werksteinbau
mit spitzbogiger Pforte, lehnt sich dicht an die Stadtmauer. — Der Hof der Familie
von Hutten, ehedem ein Muster zierlichen Erker- und Fachwerkbaues, hat durch
den vor einigen Jahren erfolgten Besitzwechsel und die Einrichtung zu einer Tabaks-
fabrik seinen ursprünglichen Renaissance-Charakter fast ganz verloren. Das Ober-
geschoss ist einem modernen stvllosen Backsteinbau zum Opfer gefallen. Auch der
schmuckreiche Erker an der Nordostecke des Gebäudes hat schweren Schaden
erlitten. Nur die stützende Säule mit erhöhtem Untersatz, viereckiger Plinthe, rundem
Stamm und t> »skanischem Kapitäl, sowie ein Theil der darüber anhebenden Pila-
strirung mit sechsseitig vorkragendem Sims, reichen Zahnschnitt- und Eierstabbildungen
sind als schwache Reste des ehemaligen Formenreichthums übrig geblieben. Auch
die Madonnenstatue ist verschwunden, welche die Thorfahrt mit den geschwungenen
Giebeln zierte. Im Hof ist die Bekrönung des Stiegenthürmchens abgetragen, an
dessen Eingang ein Thürklopfer und ein Thürschloss, welches einen bewaffneten
Wächter darstellt, als hübsche Leistungen der Renaissance-Schmiedekunst sich erhalten
haben. Ueberall sonst feiert die moderne Industrie in wenig künstlerischer Weise
ihren Sieg über das alte Patrizierthum im Huttenhof. — Gegenüber trägt ein Privat-
haus auf einem Denkstein neben der rundbogigen Eingangspforte die Inschrift:
Ulrich Bender <Di;L"ClT'£)Cpt. Die Lettern sind gothische Minuskeln, ein Zeichen,
dass um 1532, als ringsum in mittelrheinischen Landen die Renaissance schon
reiche Blüthen trieb, die Schriftcharaktere des Mittelalters noch immer in Uebung
standen. — Am Hause Nr. 46 in der Neuthorstrasse zeigt ein Thorbogen die
Jahreszahl 1574 und ein bürgerliches Allianzwappen mit Eichenkeim und Rind im
Schild. Eine ähnliche Hausmarke trägt die gegenüberliegende Thorfahrt. — In
der nämlichen Strasse, am Hause Nr. 51, zeigt ein Bogenthor das Wappen der
Familie von Reuss und die Jahreszahl 1590. Der Heiligenschrein an der Hausfronte
birgt ein gothisches Vesperbild, Maria mit dem Leichnam Christi auf dem Schoos,
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