Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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KREIS OFFENBACH

unter dem Konsulate des Cilo und des Libo«. Die Aufstellung des Votivsteines
wird in das Jahr 204 n. Chr. zu setzen sein, in welchem Lucius Fabius Cilo und
Marcus Flavius Libo als Konsuln vorkommen. Die Wegmeisselung des Namens
des Casars Geta, des Bruders und Mitregenten des Caracalla, ist allen Analogieen
entsprechend jedenfalls auf Befehl dieses grausamen Kaisers selbst geschehen,
nachdem derselbe den ihm lästigen Bruder durch Mord aus dem Wege geräumt
hatte und Alleinherrscher geworden war. — Römische Waffen, Gefässe, Münzen
traten bei der Fundamentirung von Neubauten öfter zu Tage. Sie wurden alsbald
durch Händler aufgekauft und nach aussen verschleppt. Zwei bei Anlage einer
Cisterne gefundene Schwerter, ein Doppelhänder und ein kurzes Seitengewehr
mit Korb, welche in das Museum nach Aschaffenburg gelangten, mögen jüngeren
Ursprungs sein. Römische Münzen trugen die Bildnisse der Kaiser Nero, Vespasian,
Trajan, Hadrian, Antoninus Pius, Commodus, Septimius Severus und Caracalla.
Im Jahre 1877 wurden auf einem in der Nähe des Steinheimer Thorthurmes
gelegenen Grundstück mehrere Urnen aufgefunden, welche die Annahme recht-
fertigen, dass an dieser Stelle das Todtenfeld der alten Römergründung zu suchen ist.

Nach den Zeiten der Römerdomination und nachdem die Fluthen der Völker-
wanderung abgelaufen waren, entstand auf den Trümmern der alten militärischen
Gründung eine friedliche Siedelung, die lange ein bescheidenes Dasein geführt
haben mag, bis sie im Beginn des 9. Jahrhunderts urkundlich unter dem Namen
Obermiililheim und unter Umständen erscheint, welche Seligenstadt aus dem
Dunkel der Vorzeit in das helle Licht der vaterländischen Kultur- und Kunst-
geschichte eintreten lassen.

Einhardgründung Gedenken wir kurz der einschlägigen historischen Thatsachen, weil sie

unmittelbar zur Betrachtung desjenigen Kunstdenkmales hinleiten, welches unter den
Monumenten der Stadt das grösste Interesse beansprucht und durch sein Alter wie
durch seine Wichtigkeit für die Geschichte der Entwickelung der Sakralarchitektur
in den mittelrheinischen Landen an die Spitze der örtlichen Denkmälerschau gestellt
zu werden verdient. Dieses Kunstdenkmal ist die Basilika der hh. Matyrer
Peter und Mar cellin, gegründet von Einhard und Imma, an deren Namen die
volle Bedeutung und Berühmtheit Seligenstadts für die nachfolgenden Zeiten sich knüpft.

Einhard u. imma Einhard, auch EghiJiard genannt, und seine Gemahlin Imma, auch unter

dem Namen Emma bekannt, eine Schwester des Bischofs Bernhard von Worms und
wahrscheinlich einem vornehmen Geschlecht in Schwaben entsprossen, waren, wie
theilweise schon oben erwähnt, im Jahre 815 von Ludwig dem Frommen mit den
ansehnlichen Domanialgütern Michelstadt im Odenwald und Obermühlheim am Main
(urkundlich Michlinstadt im Odonawalclt und Ober-Mülinheim im Moynegouwe)
belehnt worden. In Folge dessen wählten Einhard und Imma ihren Wohnort
zunächst auf den Besitzungen im Odenwald und erbauten daselbst eine Basilika
zur Aufnahme der Gebeine der hh. Blutzeugen Peter und Marcellin, welche
Einhards Notar, Rathleich (Rathlaik, Rathlaith), den römischen Katakomben ent-
nommen und nach Michelstadt gebracht hatte. Diese ältere Einhard-Basilika im
Odenwald ist in ihren Haupttheilen wohlerhalten auf die Nachwelt gekommen. Es
ist die lange unerkannt gebliebene, im Jahre 1873 vom Verfasser gegenwärtiger
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