Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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SELIGENSTADT

Posuit
Devotissimo Corde
Petrus IV
Abbas.
MDCCXXIX.

Deutsch. Ich bin Gabriel der Engel Gottes,

welcher steht in Gottes Macht.
Dieses Klosters und seines Hauptthurms
Durch neun Jahrhunderte
Beschützer und Wächter.
Errichtet demüthigsten Herzens
von Abt Peter IV.
1729.

Die Wasserburg, eine vor dem Oberthor inmitten einer Umfriedigung gelegene Wasserburg
Villa, gehörte ehedem zur Abtei und ist füglich im Zusammenhang mit dieser
Gebäudegruppe zu betrachten. Abt Franz I (1695 — 1715) errichtete den kleinen
Bau an Stelle eines älteren burgenartigen Gebäudes, welches im dreissigjährigen
Kriege der Zerstörung anheimfiel und von welchem am Plafond des Kapitelsaales
der Abtei eine Stukkoabbildurig in Flachrelief (s. S. 205) erhalten ist. Der Neubau
stellt sich als eine von Wassergräben umgebene Zierburg dar, deren Zugang früher
eine Zugbrücke vermittelte, die jetzt durch eine feste Ueberbrückung ersetzt ist.
Das Gebäude wird in mässigem Abstand wehrartig von einer Brüstungsmauer
umzogen. An den vier Ecken der Brüstung erheben sich kleine Thürme, auf deren
Bedachung zierliche schmiedeiserne Bekrönungen sich erhalten haben. (Vergl. Abb.
Nr. 63). Eines dieser Wehrthürmchen ist eingestürzt; ein Theil seines gebrochenen
Mauerwerks ruht in der Tiefe des Wassergrabens. Eine Erneuerung soll bevor-
stehen. — Nach der Abbildung bei P. Johannes Weinckens (vergl. Abb. Nr. 64)
war die landschaftliche Umgebung der Wasserburg als ein ausgedehnter Garten im
Lenotre-Stil angelegt mit zierlichen Beeten, Fischteichen und Zwingern für Jagd-

gethier. Ueber dem Eingang zu der in zwei Geschossen errich-
teten Villa prangt das Wappen des Erbauers und die Inschrift:
Dies Haus steht in Gottes Hand,
Zur Wasserburg wird es genannt.
Wie das Aeussere, so ist auch das verwahrloste Innere
jetzt kunstlos und kunstleer, namentlich seitdem vor einigen
Jahren frevelhafte Hände von den Wänden der Zimmer die
gemalten Tapeten herabgerissen, die nun zusammengerollt in
einem der Kaiserzimmer der Abtei geborgen liegen. Diese
auf derb gewebtem Stoff ausgeführten Malereien haben freilich
keinen Anspruch auf Kunstwerth. Immerhin sind die flüchtig
hingeworfenen und in Vielem mangelhaften Dekorationen, mit
Wasserburg: Schmied- Darstellungen von Jagden im Park, Konzerten im Freien,
eiserne Dachbekrönung. ruhenden und lustwandelnden Gruppen in Gärten, interessante

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