Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 40.1924-1925

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WILHELM BALMERS ERINNERUNGEN

Wilhelm Balmer, der Schweizer Maler, der
am l.'März 1922 siebenundfünfzigjährig
gestorben ist, hat „Erinnerungen" hinterlassen,
die zunächst nur für seine Söhne bestimmt
waren, jetzt aber von Francis Korvin herausge-
geben, durch den Rotapfel-Verlag in Erfen-
bach-Zürich auch dem großen Kreis der Freunde
des Künstlers in einer schönen und würdigen
Ausgabe zugänglich gemacht werden. Gleich-
zeitig ließ der nämliche Verlag eine „Wilhelm
Balmer-Mappe", eingeleitet von ErnstKreidolf,
erscheinen, die in zweiunddreißig zum Teil far-
bigen Abbildungen, darunter das ungewöhnlich
duftige und delikate Blatt „Golf von Sorrent",
einen guten Überblick über Wilhelm Balmers
Werk und Wesen vermittelt. Aus den „Erin-
nerungen" stammen die folgenden interessan-
ten Mitteilungen über das Leben an der Mün-
chener Akademie um 1885.

# *
*

Im Herbst 1885 rückte ich wieder ein, und zwar
in die Malklasse von Ludwig von Löfftz. Wir
hatten einen Riesenrespekt vor ihm. Er war ein
feiner Herr und genoß das Ansehen des besten
Lehrers von Mönchen. Er hatte sich vom Ta-
peziererlehrling zum Maler heraufgeschwungen
und war infolge vorzüglicher Arbeiten geadelt
worden. Seine Bilder waren enorm studiert und
fein im Ton. Eine Pietä hing in der Pinako-
thek. Einige verehrten ihn grenzenlos, und es
galt für eine große Chance, bei ihm aufgenom-
men zu werden. Er hatte sanfte blaue Augen
und blonden Bart und hatte die Eigenart, seine
Schüler an den Knöpfen oder an der Schulter an
sich zu ziehen, um eindringlich zu reden, und
sein schönes blaues Kleid wurde oft von unseren
ölglänzenden Malblusen befleckt.
Unter den viefen Schülern war ein alter Herr,
der in unglücklichen Familienverhältnissen ge-
lebt haben soll und seine alten Jahre in der
Akademie vertrödelte. Er war ein wenig talent-
los, hatte aber Humor, sprach oft in Versen
und ließ sich oft von andern Schülern in seine
Studien malen. Er hieß Schädlbauer und hielt

sich gern zu ans, wenn wir täglich zu unserer
Rettich- und Wrurstabendmahlzeit nach dem
Bierkeller wanderten. Mit ihm sprach ich einst
über Löfftz, dem ich trotz meiner Verehrung
Temperament absprach. Da wurde Schädlbauer
so wütend, daß es den vollständigen Bruch un-
serer Freundschaft herbeiführte. Ich konnte lei-
der Autorität nicht über gerechtes Abwägen
der Qualitäten setzen. Löfftz hatte kein Tem-
perament. Er war enorm fleißig und hatte ein
feines Auge, suchte die Wahrheit bis ins feinste
Detail, zog die Lokalfarbe allen Licht- and
Farbenspielen vor und als ich ihm einmal sagte,
daß doch nackte Körper im Sonnenlicht gelb
und im Schatten blau seien, sagte er kühl: „So
was wird ein feiner Maler überhaupt nicbl
malen!" Auf diese Weise wurde man ängstlich,
fürchtete den Fleisch- oder Lokalton zu ver-
derben und blieb eben fein grau, sogenannter
Silberton.

Löfftz fobte uns über die Maßen Karl Stauffer,
der eben seine Schule verlassen hatte, um
sich in Berlin niederzulassen. Später war Kaspar
Ritter sein bester Schüler. Ich sah bei dem-
selben einen Akt von solcher Wahrheit, daß
er lebendig auf einem Stuhl zu sitzen schien.
Ritter bezog bei meinem Eintritt ein soge-
nanntes Komponierschüleratelier, d. h. da mußte
man ein Rild komponieren und malen, und
Ritter tat es ganz im Sinn von Lölftz: Er stellte
ein ganzes Bauernstubeninterieur her und setzte
eine alte Frau und ein Kind hinein, oder ein
Bett mit einer Kranken und malte bis auf die
letzte Falte, so getreu es eben möglich war. Das
war Löfftzschufe.

Heute ist es feicht darüber zu spotten, man hat
neuere Ansichten und künstlerischere zum
großen Teil von den Franzosen übernommen:
aber damals war es Gegenstand der Bewun-
derung für uns jüngere.

Die Löfftzschule war ein großes Atelier, in
welchem gleichzeitig drei Modelle gestellt wur-
den, welche von mehreren Kreisen von Staffe-

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