Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Seite. 18.

Illustr. kunstgewerbl. Zeits

chrift für Innen-Dekoration.

Februar-Heft.

tischen Erscheinung, in der Harmonie und geschickten
Gruppirung der einzelnen Räume.« So ist es gekommen,
dass »die Form des modernen englischen Wohnhauses nichts
künstliches durch Mode und Laune Erzeugtes und deshalb
Ephemeres ist«. Wer die Richtigkeit dieser Aussprüche
Dohme's über englisches Wohnen aus eigener Anschauung
bestätigen kann und dagegen an das Ostentative in unseren
Häusern und Wohnungen denkt, wird auch wünschen, dass
dessen Forderung: »Weniger Monumentalität, mehr Wohnlich-
keit, weniger Klassizismus, mehr Individualität«, nicht nur von
unseren Architekten, sondern auch von jedem anderen endlich
zum Heile deutscher Art und deutscher Kunst beherzigt werde.

Als dritte Nation, von deren Eigenart wir viel — wenn
nicht das meiste — für unsere häusliche Kunst gewinnen
könnten, nenne ich die eigene Nation, d. h. die Individualität
i des gesammten deutschen Volkes. Diese festzustellen ist
gewiss nicht leicht, am wenigsten für denjenigen, der nicht
einmal aus der Ferne sein eigenes Volk betrachtet hat. Ich
wenigstens sollte mich wundern, wenn es nicht den meisten
so wie mir ergangen sein sollte, dass sie im Auslande die
Eigenart deutschen Wesens am tiefsten in sieh selbst gefühlt
und am klarsten an dem fernen Vaterlande erkannt haben.

Willst Du Dich selber erkennen,

so sieh, wie die andern es treiben.
Willst Du die andern verstehn,

blick in dein eigenes Herz.-'

räth Schiller.

Versuchen wir kurz uns gewissermassen auf fremden
Boden zu stellen und von grösserer Ferne die reinen Um-
risse unserer deutschen Eigenart zu bestimmen, denn diese
ist's ja, die uns allein zu einer künstlerisch freien, wirklich
nationalen Kunst führen kann. Wie wir nun die Höhe eines
Gebirgszuges durch dessen höchste Gipfel am leichtesten an-
nähernd bestimmen, so geben uns auch die Grössen, die
Genies einer Nation den besten Begriff ihrer Leistungsfähig-
keit, ihrer gesteigertsten Individualität. Nehmen wir drei
Neuere: Goethe, Beethoven und Bismarck. Schöne Univer-
salität, mächtiges, tiefes Gemüth, schlechte und rechte Nüchtern-
heit sind wohl in kürzesten Worten ausgedrückt die Grund-
züge ihrer Art. In sehr verkleinertem Massstabe wohnen
uns allen diese Anlagen inne. Wir müssen sie aber erst zu
vergrössern suchen, wenn wir in absehbarer Zeit einen vater-
ländischen Stil haben wollen. Vorläufig zeigt sich die
Universalität Goethe's im Durchschnitts - Deutschen mehr in
seiner schlechten, falschen Art: der Ausländerei. Die Gabe
des starken, tiefen Gemüths wird oft durch krankhafte und
schwache Sentimentalität entstellt und statt uns in der Kunst
Bismarcks schlichte Gradheit zu wahren, lieben wir prickelnde
Weisen und aufgebauschten bunten Flitterkram. Denkt man
sich aber jene drei deutschen Kardinaltugenden aufs schönste
und vollkommenste ausgebildet und in der häuslichen Kunst
des gesammten Volkes verkörpert, was würden wir dann für
einen Stil mit der Zeit bekommen? Dürfte ihm nicht eine
schlichte aber gehaltvolle Vornehmheit eigen sein ? Dass sich
aber ein nationaler Stil ganz und gar nicht konstruiren lässt,
sollte heute gerade, wo die allmähliche Entstehung eines
neuen nicht unwahrscheinlich ist, allen Bildnern eindringlich
gesagt sein. Dass ein solches Suchen überaus verkehrt ist,
beweist schon zur Genüge eine immer wachsende Zahl von
Zeichnungen jüngerer Künstler in einigen unserer modernen
illustrirten Blätter, die entweder Anglomanie oder Verquickung
von Naturalismus und Symbolismus zeigen, die nichts als
Schwäche und Krankheit athmen. Leider ist auch die »Jugend«
ihrem Programm untreu geworden, alles nur nicht »Stilvolles«
aufzunehmen.

Sehr richtig äussert sich über Stilentstehung Dr. Karl

Lange*), indem er sagt: »Es ist nämlich kein Zweifel, dass
die Absicht aller jener Künstler, die einen bestimmten Stil
geschaffen haben, darauf ausging, die Natur so darzustellen,
wie sie ihnen wirklich schien. Der Zusammenhang der Malerei
und Plastik mit der Architektur führt aber zu bestimmten
Kompositionsgesetzen, zu bestimmter formaler Behandlung.
Indem nun bedeutende Künstler unter Beachtung aller dieser
Umstände ein bestimmtes Verhältniss zur Natur ausbilden,
in dem andere sich ihnen anschliessen, entsteht eine Schul-
tradition. Indem diese Schultradition sich längere Zeit hin-
durch fortsetzt entsteht ein historischer Stil.« Wie nun unter
Zugrundelegung deutscher Art und moderner Anschauung
und unter Berücksichtigung eines neuen Materials, das eine
neue Konstruktionsweise erheischt, unser künftiger Stil aus-
sehen mag, ist genau nicht vorauszusehen. Immerhin wird
man nach Art des Landmannes, der, wenn er nur den Kern
bestimmt kennt, sich von dem daraus entwachsenden Baume
ein annäherndes Bild machen kann, sich sagen müssen, dass
er zwar ganz frei von Ecclecticismus, oder wenn man will
Universalität, nicht sein wird und gleichzeitig den Eindruck
des Nüchternen und Kühnen hervorrufen wird. Kühn wegen
der Verwendung eisernen Materials und der Fülle natur-
wissenschaftlich technischer Entdeckungen, nüchtern aber,
weil der noch lange dauernde soziale Kampf die Gemüther
nicht zu toller Lust und Laune führen wird.

Bis jetzt wurden nur Nationen — und als letzte die
eigene — genannt, die uns in ihrer Gesammt-Eigenart Winke
zur Erlangung einer gesunden häuslichen Kunst geben könnten.

Die Nation setzt sich wieder aus einer ganzen Reihe von
Berufs- und Gesellschaftskreisen zusammen, die, mögen sie
auch zum grösseren Theile der Kunst ferne stehen, doch in
dieser Erörterung daraufhin geprüft werden müssen, was sie
für ihren Theil zur gesunden Entwickelung des Wesens
unserer häuslichen Kunst beitragen können.

Von den einzelnen Berufsklassen ist zwar eine der kleinsten
die der Künstler, gleichwohl müssen diese hier den Anfang
machen. Inwieweit haben also zunächst die der Kunst die-
nenden Kreise die häusliche Kunst gefördert — und wie
können sie dieselbe fördern? Sicherlich ist eines der erfreu-
lichsten Zeichen für ein gedeihliches Aufblühen, ein wirkliches
Gesunden unserer Kunst, dass Männer, deren Können, Ver-
ständniss oder Stellung sie nur auf das Gebiet der hohen
bildenden Künste zu wiesen schien, endlich sich auch bemühen,
das gesammte Gewerbe zu einem Kunstgewerbe, zur Kunst
zu erheben und die Kluft, die bisher zwischen Kunst und
Kunstgewerbe gähnte, zu überbrücken. Das Fehlen einer
solchen strengen Scheidung bezeichnet stets den höchsten
und wünschenswerthesten Stand der Kunst eines Volkes.
Deshalb rühmt Brinckmann so mit Recht das heutige Japan,
und deshalb können wir auch die Zeit der ersten deutschen
Renaissance rühmen. »Denn auch bei uns war die unge-
theilte Verbindung von Handwerk und Kunst damals der
Jungbrunnen des künstlerischen Schaffens. Als aber während
und nach dem 30jährigen Kriege, der hundert und aber-
hundert Werkstätten verwüstete oder sie in ihren Arbeiten
lähmte, die hohe Kunst sich vom Handwerk vornehm trennte
und in der Nähe der Höfe ihre Ateliers aufschlug; als sie
nur noch für die Schlösser der Fürsten und nicht mehr für
die Wohnung des Bürgers arbeitete, da verlor die Kunst
ihren volksthümlichen Karakter und die Werkstatt Sinn und
Mass für die künstlerische Form.« **)

*) Dr. Karl Lange, Die bewusste Selbsttäuschung als Kern des künstle-
rischen Genusses. Leipzig 1895.

**) Ahrens, Die Reform des Kunstgewerbes in ihrem geschichtlichen Ent-
wickelungsgange. Berlin 1886.
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