Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

Page: 187
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Dezember-Heft.

Lllustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 187.

haus werfen, müssen wir zu dem Schlüsse gelangen, dass
England weit zurück ist hinter dem Kontinent in dieser
Beziehung. Selbst die riesigen Waarenhäuser Londons ver-
rathen den modernen Geist in keiner Weise. Man kann sich
keine unglücklichere Form für Geschäftshäuser denken, als
diese plumpen Imitirungen italienischer Renaissance-Paläste.
Schaufenster gibt es ja wenigstens im Erdgeschoss durchweg,
aber die Eisenkonstruktion wird stets hübsch als Steinbalken
frisirt. Bis zu circa 7 Meter Länge existiren solche Monstra.

Wenn also auch die modernen Gedanken von England
ausgegangen sind, so können wir es dennoch nicht mehr als
Heimathsland des modernen Stils ansehen. Mehr passiv als
aktiv hat es die folgenschweren Anregungen gegeben, ohne
eigentlich selbst in die Weltbewegung einzugreifen. Es ist
jetzt eng verwachsen mit seinen vollendet ausgebildeten
Schematen, an denen es sicherlich starr und zäh festhalten
wird. Aus dem Grunde haben wir von England keinen
Fortschritt weiter zu erwarten. Die Nation als solche ist
durchaus nicht von dem Umschwünge der Dinge ergriffen
und wird auch nicht so schnell daran theilnehmen. An eine
führende Stellung ist gar nicht mehr zu denken. Ganz anders
auf dem Kontinent. Für uns bedeutet der neue Stil eine
grosse Umwälzung auf allen Gebieten des Kunstgewerbes.
Dem Kontinent gebührt das Verdienst,
die Gesetze der Aesthetik wieder ab-
geleitet und konsequent überall durch-
geführt zu haben. Wir haben keine
Tradition, auf der wir aufbauen können.
Wir mussten zurück auf die Uranfänge
und haben prüfen und nachdenken
gelernt. Wenn auch einstweilen noch
bei uns sehr viel mehr Scheusslich-
keiten geliefert werden als in England
— versucht, gewagt und gedacht wird
mehr bei uns. Heute hat der bewusst
moderne Stil sich bei uns bereits auf
alle Zweige des Kunstgewerbes aus-
gedehnt, und er hat schon bedeutend
mehr Anregungen zu Tage gefördert,
als von England ausgegangen sind.
Ja, er hat schon soweit nationalen
Karakter angenommen, dass ein belgi-
scher, ein französischer und ein deutscher
Stil sich mit Leichtigkeit klar unter-
scheiden lassen. Wir haben also allen
Grund, zuversichtlich in die Zukunft
zu schauen und können recht gut frei
und selbständig weiter bauen. Von
einem englischen Stil kann keinesfalls
die Rede sein. Was in den wenigen
Jahren auf dem Kontinent und vor
allen Dingen in Deutschland geschehen
ist, das wird vor aller Welt sich 1900
in Paris zeigen. — Erst hier wird sich
ein Ueberblick über die Gesammt-Be-
wegung in ihrer ganzen Entwickelung
und Ausdehnung ermöglichen lassen.
Deutschland wird in viel umfassenderer
Weise als ihm das in Chicago möglich
war, seine Kräfte zur Entfaltung bringen
und mit Werken hervortreten, die na-
mentlich auch der etwas schwach bestellten deutschen Selbst-
achtung das für die Oeffentlichkeit unbedingt erforderliche Rück-
grat sichern werden. Achten wir die Leistungen des Auslandes
gebührend — ohne zu vergessen, dass wir konkurrenzfähig sind.

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unp Kunstgewerbe-Ausstellung.

Wandbekleidung.

Wie wir bereits im Vorbericht erwähnten, wurde in den
Ausstellungs-Zimmern eine Anzahl moderner Tapeten
und Friese nach Entwürfen von Professor Otto Eckmann,
ausgeführt von H. Engelhard, Mannheim, in praktischer und
künstlerisch äusserst origineller Anwendung gezeigt, ferner
sind verschiedene Plafonds und Lambris mit der Salamander-
Asbest-Tapete (Iven, Altona-Ottensen), bezw. mit Linkrusta
der Rheinischen Linoleumwerke Bedburg bekleidet; von letz-
terer ist das in dem Wettbewerb der »Deutschen Kunst und
Dekoration« prämiirte und reizend ausgeführte »Sonnenblumen-
Muster« für beregten Zweck geliefert worden.

Mit dieser praktischen Vorführung wirklicher, bewohn-
barer Räume innerhalb des Rahmens einer Ausstellung ist
hier von Alexander Koch zum ersten Male der Beweis erbracht
worden, dass unser gesammtes Ausstellungswesen noch
mancherlei Besserung fähig ist, wesentlich nach der Seite:
das magazinartige Aufbauen und Ansammeln von gleich-

Abbildung Nummer 967. Erker-Parthie eines Bibliothek-Zimmers.
Entwurf Architekt Philipp Petry, Köln a. Rh.

artigen Objekten künftig zu meiden und dem einzelnen Gegen-
stande seinen Platz anzuweisen innerhalb des engeren Rahmens
seiner intimsten Aufgabe. Das dringend zu fordern gilt
namentlich für alle Darbietungen von Kunst- und kunst-
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