Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Seite 90. Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration. Juni-Heft.

EINHEITLICH-KÜNSTLERISCH VORGERICHTETE WOHNUNGEN.

Geht man Münchens Ludwigstrasse entlang, so muss man
unwillkürlich der »Baumeister der Romantik« gedenken.
Die lange Reihe monotoner Bauten, die von ihren Erbauern

Abbildung Nummer 843. Bücherschrank mit Schreibtisch.
Entwurf Adolf Beuhne, Hamburg.

für rein romanische erklärt wurden, gibt Augen und Ge-
danken Zeit genug, sich zu vergegenwärtigen, wie weit doch
jene Männer vom Verständniss eines Stiles entfernt waren,
für den sie so begeistert schwärmten. Wir dürfen uns dabei
schon rühmen, auch in das Wesen jener mittelalterlichen Stile
tiefer eingedrungen zu sein als jene. Wir bauen heute weniger
»romantisch«, weil wir wohl wissen, dass eine Reihe von
Rundbogenfenstern und ein romanisches Kapital, hundertmal
beim gleichen Baue verwendet, das Wesentliche des roma-
nischen Stiles durchaus nicht ausmachen. — Manch neuer
Bau jener alten Stile zeigt uns das gründliche Erfassen alter
Ideen und Formen; — manches Haus neueren Stiles liefert
uns innen und aussen den Beweis vom Eindringen neuer
Ideen und Formen. Nur in Münchens Ludwigstrasse wird
man noch lange nach Beweisen hierfür suchen.

Da ist's nun gut, dass gleich hinter dem Siegesthore die
Fortsetzung dieser Strasse uns durch einen monumentalen
Privatbau an einen solchen Fortschritt erinnert. Ich meine
die jetzt vollendeten Kali'schen Neubauten, auf deren Archi-
tektur hier einzugehen nicht der Ort ist.

Nur hinweisen möchte ich auf die vom Architekten
Martin Dülfer, dem Erbauer des Kaimsaales in München,
geschaffene Innen-Architektur und Dekoration. Dülfer lehnt
sich bekanntlich mit Vorliebe an die Formen des Empire-
und des Biedermeierstiles, aber doch in durchaus selbständig,
freier Weise. In Allem spricht sich der neuschaffende Geist
unserer Zeit und eine gesunde künstlerische Persönlichkeit

aus. Auch in den kleinsten Dingen dieses durchweg vor-
nehmen Palastbaues kommt der stets einheitlich gestaltende
Geist des Architekten zum Ausdruck. Wie die grosse Garten-
anlage vor dem Mittelbau dem Stile des Ganzen angepasst
ist, so stehen die Plafonds und Tapeten, die flachen Füllungen
über den Thüren in Wechselbeziehung zu den reizvoll erfun-
denen höchst handlichen Thürklinken oder den schmiede-
eisernen Treppengeländern. Schade nur, wenn in diese mit
so grosser Liebe ganz einheitlich vorgerichteten Wohnungen
nun oft Möbel etc. gebracht werden von gerade entgegen-
gearteten Stilen. Der Architekt hat sich auch für einzelne
derartige Fälle vorgesehen und beispielsweise für die Plafonds
und Umkleidungen der Speisesalons den Renaissancestil
gewählt, da doch immer noch — und mit gutem Grunde -
unsere Speisezimmer-Möbel vorzugsweise in diesem Stile aus-
geführt sind. Man sollte nun allerdings meinen, in diesem
Falle sei diese Konzession ans Publikum genügend. Aber
obwohl diese Wohnungen ausschliesslich für Mitglieder der
hohen Geld-Aristokratie — wenn nicht gleichzeitig der Geburts-
und Geistes-Aristokratie — bestimmt sind, sind doch von
einigen einziehenden Partheien brutale Verstösse gegen stil-
volles oder wenig stilanpassendes Empfinden gemacht worden.

Ob wohl derartige in einem modernen Geschmack vor-
gerichtete Mieths-Wohnungen immer zu einem Konflikt
zwischen Architekt und Miether beziehungsweise dessen
Möbeln führen werden ? Vorderhand, d. h. solange wir nicht
von einem ausgebildeten, alle Gewerke beherrschenden neuen
Stil reden können, möchte ich allerdings die Frage bejahen.
Denn wenn wir auch einerseits den Architekten loben müssen,
der bestrebt ist, selbst Mieths-Wohnungen eine unserer Zeit
entsprechende, schöne Eigenart zu verleihen und es somit
den Bewohnern leichter macht, dieser zu folgen, so muss ich
andererseits dem Miether volles Recht geben, der sich
durchaus nicht einem anderen Geschmack als den seinen
vorschreiben lassen will.

Dieses pionierartige Vorgehen des Architekten liegt uns
aber neben vielen anderen die Frage vor: »Sollte der Architekt
nicht gleich noch einen Schritt bei der Gestaltung des Raum-
inneren weitergeben und gewisse, grosse Möbel, die sozusagen
zum eisernen Bestand jeder komfortablen Wohnung gehören,
von vornherein der Innen-Architektur einverleiben? Aehnlich
verfährt man ja schon seit einigen Jahren in den amerika-
nischen Fiats. Aber dort liebt man es ja sogar, in fertig
möblirte Wohnungen zu ziehen — ein Gedanke, bei dem
uns schon unbehaglich wird.

Glücklicher in unseren Tagen ist's jedenfalls für den
Architekten, wenn er den Auftrag bekommt, ein Privathaus
zu erbauen und innen vollständig vorzurichten. Denn nur
dann kann etwas schönes Ganzes dabei herauskommen, wenn
der Architekt mit Schlosser und Schreiner, Glaser und
Dekorateur zusammen' arbeiten kann und die Persönlichkeiten
des Erbauers und des Besitzers einander bekannt und eines
Sinnes sind.

So hat jetzt Dülfer eine Villa für den Baron Bechtolsheim
vollendet, in der seine persönliche Erfindungsgabe und sein
Sinn für ein einheitliches Ganzes natürlicher noch viel stärker
zum Ausdruck kommt als in den Kalb'schen Miethswohnungen.
Dieses moderne Haus an der Maria Theresiastrasse steht auf
dem rechten hohen Ufer der Isar, von dem aus man ganz
München mit seinen Thürmen und Kuppeln der verschiedensten
Stile überschaut. München ist oft ein Baukasten genannt
worden — ob und wann mit Recht oder Unrecht, will ich
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