Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Buchh.-Vertreter: Eduard Schmidt, Leipzig.
Insertions-Bedingungen am Schluss derZeitschr.

IX. Jahrg. 1898.

~s Leipzig -♦■ Darmstadt Wien.

Juli-Heft.

Pie Wohnstätte eines maler-Fürsten als Vorbilp

für jepermaNNs Heim.

Von Ernst Wilhelm Bredt.

»Je faut tächer de conserver toujours la vue des choses en
grand; si vous vous arretez aux details, ils vous confondront et
vous aurez une vue fausse: le succes ou le contretemps du moment
et rimpression qu'ils font ne doirent compter pour rien.«*)

Man muss bemüht bleiben, sich stets den Blick für die
Dinge im Grossen zu bewahren; wenn ihr euch an kleinen Dingen
aufhaltet, werden sie euch verwirren und euch ein falsches Bild
geben: der Erfolg oder der Zufall des Augenblicks, den sie
hervorrufen, dürfen für nichts gelten.

Beim Lesen der Ueberschrift wird gewiss mancher sofort
ausrufen: »Wie sinnlos! —Welch' grosser innerer Wider-
spruch! — Wie kann nur ein fürstlich ausgestattetes Haus
für bescheidenere Wohnungen als Vorbild gelten? — Soll
etwa jeder all' sein Geld für eine möglichst glänzende Aus-
stattung seines Heimes ausgeben?«

Xoch viel andere sofortige Fragen und Einsprüche ähn-
licher Art höre ich gegen mich erheben! — Und ich werde
sie — gutheissen, so lange sie sich auf die Einzelheiten
beziehen! Was für Einzelheiten? — Ich will hier nur zwei
Klassen beispielsweise herausnehmen, die wir doch ganz
gewiss in der Heimstätte eines Malerfürsten vorfinden werden.
Die Antiquitäten und die Imitationen. Beide werde ich gewiss
nur mit grösstem Vorbehalte in Jedermann's Wohnung billigen.
So sehr ich immer die Ueberzeugung festhalte, dass wir alle
an den Kunst- und kunstgewerblichen Werken der Alten
unser Schönheitsgefühl allein bilden können, so sehe ich in
unseren Laien Wohnungen die Antiquitäten nicht gern, weil
oder wenn sie nicht aus dieser Erkenntniss dort aufgestellt
worden sind. Und alle die verschiedenen Imitationen heisse

*) Schopenhauer, Neue Paralipomena !<. 605.

ich dort nicht gut, weil oder wenn sie nicht des Schönen
allein wegen da sind, sondern nur das Auge des Fremden
bestechen sollen.

Trotzdem wir nun im Hause jenes Künstlers zweifellos
neben Neuem viel Altes, neben vielen echten auch imitirte
Werke der Kunst und des Kunstgewerbes antreffen werden,
so stelle ich es doch als Vorbild "für jedes bescheidenere Heim,
und mag es auch im »modernsten Stile« gehalten sein, hier
auf. Ich sage »trotzdem«. »Konsequenter Weise« wäre wohl
noch besser zu sagen. Denn der ähnlichen Dinge Ver-
urtheilung dort und deren volle Anerkennung hier beruhen
auf demselben Grundsatze. Im bürgerlichen Hause ver-
urtheilte ich sie, weil sie nicht aus Ueberzeugung von deren
Werth, weil sie nicht aus persönlicher Freude an der Schön-
heit aufgestellt sind und weil sie als Prunkstücke »wirken«
sollen. Im reichen Künstlerhause freue ich mich über sie,
weil sie mir als essentielle, d. h. als unerlässliche, zum wesent-
lichen Ausdrucke persönlichen Schönheitsgefühles nothwendige
Dinge erscheinen. Hier werden wir Dinge finden, mögen sie
aus Edelmetall oder Gips, mögen sie neu oder Jahrhunderte,
ja Jahrtausende alt sein, nicht nur an und für sich hohen
künstlerischen Werth haben, sondern vor allen Dingen in
ihrer Zusammenstellung ein schönes Ganzes bilden, während
dort uns die Dinge eben nur als Einzelheiten entgegentreten.
In der deutschen Durchschnittswohnung finden wir eine
Häufung fragmentarischer Ausdrücke unselbständiger, nicht
ernst zu nehmender Leute — hier werden wir die klare und
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