Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Buchh.-Vertreter: Eduard Schmidt, Leipzig.
Insertions-Bedingungen am Schluss derZeitschr.

ix. Jahrg. 1898. —^ Leipzig Darmstadt Wien, e~-

Juni-Heft.

zur Reform pes Möbelstils.

Ein Mahnwort an die Möbelfabrikanten und Möbeltischler

von Max Metzger.

twas mehr als ein Vierteljahrhundert ist
im Strome der Zeit dahingegangen,
seitdem das Kunstgewerbe bei uns
in Deutschland wie eine unterdrückte
i ([^/^^^S^E^^^r® Saat zaghaft an den verschiedensten

( ,rten und in den verschiedensten
Arbeitszweigen hervorbrach. Unsicher,
ängstlich wagten sich die ersten Spröss-
linge hinaus in die weite Welt, zwei-
felnd, ob sie auch einen günstigen
Boden fänden. Sie haben aber den Boden, den sie brauchten,
gefunden. Trotz der kurzen Entwickelungszeit sind mächtige
starke Bäume aus den kleinen Schösslingen entstanden, die
blühten und sich fruchtbar erwiesen über alle Erwartung. Die
bestehenden Ansichten haben sich geändert, der Geschmack
hat sich gebildet, im Gewerbestand ist ein neues feuriges
Leben entfacht worden, Schulen und Museen sind in fast
allen Städten entstanden, ein seit langer Zeit vollständig
unbekanntes Interesse war plötzlich erweckt worden. Es
spielte sich vor unseren erstaunten Augen ein Stück Kultur-
geschichte ab, um das uns noch viele spätere Jahrhunderte
bewundern und beneiden werden.

Wer wollte heute noch zweifeln an der glänzenden Ver-
änderung, an der imposanten Höhe, auf dem unser Kunst-
gewerbe steht, an den grossen Aufgaben, die es sich stellt
und die es erfüllt? Aber noch ist das Werk nicht zuende

geführt. Noch gibt es weite Gebiete, die zu kultiviren sind,
noch ist nicht jede Ecke getroffen von dem mächtigen Flügel-
schlage der Zeit, noch gibt es neue Aufgaben zu stellen und
zu lösen. Und schon werden uns neue Wege gezeigt und
eröffnet, neue Ideen verlangen die Einsetzung unserer ganzen
Kraft und unseres ganzen Verständnisses. Aber auch neue
Gefahren lauern im Hintergrunde, die nicht hervorbrechen
dürfen und jählings zerstören, was menschlicher Geist seit
Jahrhunderten geschaffen. Wir wünschen uns alle die Freiheit
des Schaffens in der Kunst und im Kunstgewerbe, wir wollen
uns loslösen von dem Verdachte »antiquarisch« bleiben zu
wollen, aber die Freiheit muss vom Masse gezügelt und von
der Schönheit geadelt werden. Wir dürfen uns nicht abkehren
von dem mit so vielem deutschen Herzblut erkauften deutschen
Kunstgewerbe, wir dürfen nicht unsere deutsche Entwickelung
in falscher Scham verleugnen.

Diese in schulmeisterlich-strengen Zügeln geleitete Ent-
wickelung des letzten Vierteljahrhunderts war nothwendig
gewesen, um das zu erreichen, was wir in dieser verhältniss-
mässig kurzen Zeit erreicht haben. »Man musste an den
Mustern der Vergangenheit das Schöne lehren und Sinn und
Verständniss für Form und Farbe ausbilden; man musste die
verloren gegangenen technischen Kunstweisen wieder finden
und erneuert einfügen; man musste künstlerische Kräfte bilden,
reif zur Erfindung und reif zur Ausführung; man musste endlich
im Volke, bei Reich und Arm nicht blos Verständniss,
sondern Liebe und Leidenschaft zum Schönen erwecken.«*)

Es war klar, dass dieser Weg anfangs zur Nachahmung
und Unfreiheit führen musste, aber ebenso klar ist es für
den Einsichtsvollen, dass bei beharrlichem Fortschreiten die

J. v. Falke, »Aesthetik des Kunstgewerbes«.
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