Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Seite 86.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Juni-Heft.

tlieile in die Möbeltechnik gebracht. Man kopirte nicht nur
Säulen, Pfeiler, Nischen und Giebel, sondern ahmte ganze
Palastfassaden nach. Die Einzelheiten könnte man sich, so-
weit sie denselben Gedanken hier wie dort zum Ausdruck
bringen, z. B. Stützen und Tragen, wohl gefallen lassen. Aber
diese Uebertragung der Architektur hat auch blödsinnige
Gewohnheiten geschaffen. Säulen z. B., welche sich mit den
Thüren aus der Fassade herausdrehen, mitunter sogar ihre
Postamente verlassen oder sich von ihren Kapitalen loslösen,
begegnen wir tagtäglich bei den Möbeln in Menge. In der
Nachahmung der Steinarchitektur verlieren ferner die Möbel
den Ausdruck des Mobilen, der ihnen eigentlich gebührt und
sie erscheinen dadurch schwer und plump.

Sobald, wie gesagt, der Ausdruck der Funktion, sowie
die Harmonie der Gliederung gewahrt bleibt, ist gegen die
Anwendung irgend welcher symbolisirender oder architekto-
nischer Formen nichts einzuwenden. Nur das Uebermass
sollte vermieden werden, Man sollte stets bedenken, dass ein
Möbel ein verstellbarer Gegenstand sein soll und kein Bauwerk.

Wir würden in allen Dingen, besonders auch in der
Möbeltischlerei, viel weiter kommen, wenn wir etwas von
dem kühl-praktischen Ueberlegungsgeist der Engländer und
Amerikaner annehmen würden. Warum lassen wir denn
durchaus nicht die tüchtige, praktisch-erfahrene Hausfrau mit
ihrer unbefangenen vorurtheilslosen Ansicht durchdringen?
Wohl bemerkt, vorausgesetzt, dass sie eben noch unbefangen
und vorurtheilslos zu entscheiden vermag. Unsere Hausfrauen
haben so recht niemals für die gothischen Möbel, für die
Renaissance - Einrichtung geschwärmt. Sie sind mit aller
Gewalt dazu gebracht worden, diese Einrichtungen als »stil-
gerecht« zu bewundern und sie zu dulden. Jede Hausfrau
kann aber einen kleinen Beitrag dazu geben, wieviele Mühe,
Sorgfalt, Angst und Sorge diese Möbel mit allen ihren Hinder-
nissen gegen das Abstäuben und Reinigen, gegen das Scheuern
der Zimmer, gegen das Verstellen und Verrücken ihr schon
gebracht haben. Und alle diese Klagen und Seufzer haben
wir durch Jahrzehnte hindurch still ertragen, weil wir eben
durchaus »stilgerecht« sein wollten! Als wenn wir das nicht
sein könnten, ohne uns von den Mängeln der alten Vorbilder
beeinflussen zu lassen! Warum sollten wir Vorliebe für Gothik
nicht walten lassen können und trotzdem unseren modernen
Anforderungen genügen? Warum sollten wir nicht bei der
Renaissance bleiben können und trotzdem die so ausser-
ordentlich geschmeidige bequeme Form der Rokoko-Sitzmöbel
nur vorbildlich werden lassen? Warum müssen wir durchaus
die kurzen Kugelfüsse der Renaissance beibehalten, gegen
die sich der gesunde, praktische Hausfrauensinn so energisch
wendet? Warum überhaupt machen wir uns in allen Dingen
das Leben so unbequem und lassen uns durch falsche Unter-
würfigkeit und durch übertriebenen Autoritätsdusel zu Sklaven
todter Materien erniedrigen?

Es ist noch nicht so lange her, dass wir das Entzücken
für die englischen Möbel und die Sehnsucht nach ihrem
Besitz bei unseren Frauen überlegen belächelten. Heute ist
das anders; auch die Männer haben sich überzeugen lassen
und sind aufrichtige Bewunderer der stilvollen Einfachheit
und Zweckmässigkeit geworden. Nur unsere Möbelfabrikanten
zum grossen Theil und unsere Tischlermeister in der Mehr-
zahl sind noch Anhänger der Architekturmöbel und der
Klebe-Ornamentik geblieben.

Es weht ein frischer, gesunder Freiheitsgeist durch alle
kunstgewerblichen Gebiete. Machen wir uns die zugestandene
Berechtigung freien Schaffens vor allen Dingen auf dem
Gebiete der Herstellung des Hausrathes zu Nutzen, befreien
wir uns keck von allem, was uns lästig war, von allem, was

unser Dasein beengte! Erfüllen wir rücksichtslos die Be-
dingungen und Erfordernisse unseres modernen Lebens in
erster Linie und sehen dann erst zu, was für die Vorliebe
der historischen Stile zu thun übrig bleibt!

Ein neuer Abschnitt beginnt für die Entwickelung des
Kunstgewerbes sich zu bilden, eine neue Begeisterung wird
entfacht, ein neues Stück Kulturgeschichte scheint sich zu
entrollen. Der Zusammenhang mit dem entschwundenen
bleibt bestehen; die neuen Errungenschaften wären ohne jene
grossartige Entwickelungsstufe niemals möglich gewesen.
Wir können und dürfen die so schwer errungenen Grund-
sätze und Kenntnisse nicht plötzlich und treulos verlassen
und in hochmüthiger Selbstüberhebung einem blendenden;
gauklerischen Phantom nachjagen; aber wir müssen dem
Wegweiser folgen, der uns in unserem verzweifelnden Sinnen
gebieterisch den rechten Weg für das Weiterschreiten zeigt.
Das Loslösen der an uns hängengebliebenen alten Schlacken
ist sicherlich nicht gleichbedeutend mit dem Verwerfen unserer
ganzen Erziehungsresultate, unserer bisherigen Aesthetik des
Kunstgewerbes. Wir wollen uns von ihnen befreien, um zu
gewinnen an Ansehen und Werth. Wir wollen die individuelle
Freiheit des Schaffens wieder erlangen und uns loslösen von
antiquarischen Neigungen, ohne den Adel der Schönheit bei
der Verfolgung der praktischen Zweckmässigkeit zu verlieren.
Nach wie vor soll der eherne Grundsatz von Zweck und
Material unsere künstlerische Freiheit zügeln, unseren kunst-
gewerblichen Schülern als oberstes Gebot vor Augen stehen!

Emile Galle.

Wenn man unter den modernen Persönlichkeiten der
französischen dekorativen Kunst nach der Person
fragen sollte, welche am meisten durch ihre vollendete
Arbeit hervortritt und welche die beachtenswertheste ist so-
wohl in der Vollkommenheit ihrer Werke als in der Ver-
schiedenheit und Zahl ihrer Erzeugnisse, müsste man wohl
ohne Zögern Emile Galle nennen. Der Künstler ist heute
am Gipfel seiner Laufbahn angelangt; er ist im Besitze aller
Mittel und aller Formen seiner Kunst; als junger Aufstre-
bender hat er gar manchmal versucht und getastet, nun aber
ist er eines unumschränkten Meisterrechtes sicher. Die jetzige
Zeit scheint uns besonders günstig zu sein, die verschiedenen
Entdeckungen seines Talentes als Glaskünstler, als Dekorateur
im allgemeinen und selbst als Schriftsteller zu würdigen.

Indem ich diese Zeilen schreibe und an den Mann und
Künstler denke, steht die Persönlichkeit Galle's deutlich vor
uns und bietet sich uns mit einer seltenen Bestimmtheit. So
stellt ihn uns Prouve vor Augen in einer Umgebung von
zarten und zerbrechlichen Kunstgegenständen. Seine sehr
klaren Augen sind lebhaft und stetig auf das Ideale gerichtet,
dem seine Wünsche nachhängen; mit seinen langen und
feinen Händen regiert er den Pinsel oder den Stift, mit
welchem er seine Gläser gravirt; seine Bewegungen sind
aufgeregt, fast fieberhaft, aber niemals sprunghaft. Er macht
ganz den Eindruck, dass er Künstler ist, ein Sucher und ein
Schwärmer, welcher sich unaufhörlich fortreissen lässt von
schönen Dingen zu sprechen, welche er liebt, und welchem
keine Art von Kunst fremd ist.

Was Karl Koepping in Deutschland, ist Galle in Frank-
reich: der unbestrittene Meister des Glases, in welchem er
nicht nur ganz vollkommene Stücke geschaffen, sondern
welchem er, wie es scheint, seinen rechten Platz in der
modernen Dekoration gegeben hat; denn ich sehe heutzutage
kaum eine mit Sorgfalt ausgestattete Wohnung, in welcher
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