Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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April-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

[Seite 57.

Mehr Wahrheit uNp persönlkSkeit iN jepermaNNs Heim.

Von Ernst W. Bredt.

Es ist meine Ueberzeugung, dass von diesem Genügen
am Schein nicht nur so viel Scheinexistenzen kommen,
so viel soziales Elend herrührt,
sondern dass überall davon
— in erster Linie — der viele
Plunder in den Palästen der
Reichen und den Wohnräumen
des Bürgers sich breit macht!
Daher so wenig bescheidene
Kunst und so viel Prunkstücke.
Daher auch das sinnlose Ver-
golden fabrikmässig hergestellter
Gipsfiguren und das Verhängen
der Fenster mit Diaphanien, damit
wenigstens von aussen die sonst
kläglich ausgestatteten Räume
der Bewohner jener Mieths-
kasernen, die schon mit ihrem
überladenen, schlechten, bröckeln-
den Gipsschmuck ein Bild schlecht
übertünchter Hohlheit und Falsch-
heit darbieten, y>fein aussehen«.

Im Verkehr mit solchen
»Gesellschaftsmenschen«, deren
Zahl übrigens in allen Klassen
der Bevölkerung eine unendlich
grosse ist, habe ich mich oft
fragen müssen, ob es etwa die
Scheu vor der Nichtigkeit und
Unbedeutendheit des eigenen
Ichs ist, die die Menschen statt
zur Natur zur Unnatur, zu einer
Geselligkeit treibt, die lebhaft an
die eines Affenzwingers erinnert.
—Wenn doch diejenigen Künstler
und Laien, die genug eigenes
Gemüth besitzen, ein neues
»retournous ä la nature« auf ihr
Panier schreiben würden! Denn
was nützt uns alle Kultur, wenn
wir die eigene Natur darüber
vollständig verlernen? Gute und

sich auch fruchtbar bethätigende Talente haben wir heute in
allen Zweigen der Kunst — aber an ausgereiften Persönlich-
keiten fehlts unter Musikern und Dichtern, Malern und Kunst-
gewerblern, obwohl jetzt so viele Alte mit Recht ihre persön-
lichen Lebenserfahrungen veröffentlichen — und so viele
Junge von Nietzsche faseln. Mag es für die Einzelvölker
vielleicht zu spät sein, »Ureigenstes zu schaffen«, wie Hamer-
ling den Nationen zurief — für die Einzelnen des Volkes ist

es gewiss noch möglich,
Dampfrosses die Ruhe

Abbildung Nummer 804. Körper für elektrisches Licht.
Entwurf: Oskar Dedreus, Ausführung I.. A. Riedinger, Augsburg.

(Fortsetzung von Seite 56.)

trotzdem heute das Schnaufen "des
tiefster Wälder und grenzenloser
Haiden stört. Nein, nicht trotz-
dem, ja gerade deswegen ist es
leichter, dass der Mensch sein
eigenstes Ich in stiller Zurück-
gezogenheit finde, als früher, wo
die Verkehrsmittel viel kostspie-
ligere und beschwerlichere waren.
Wenn dem nicht so wäre, so
wäre meine Klage über Mangel
an Persönlichkeiten und mein
Ruf zur Rückkehr zur Natur
zum mindesten unzeitgemäss und
wir hätten gar keine Berech-
tigung, auf eine neue Zeit zu
hoffen. Aber wie einzelne Er-
scheinungen im Kunstleben für
ein weiteres Aufblühen unserer
Kunst sprechen, so dürfen uns
vielleicht auch gewisse Verände-
rungen im Gesellschaftsleben
Hoffnung auf eine Zeit geben,
wo die Kunst wieder das ganze
Leben beherrscht. — Geniessen
beispielsweise heute nicht schon
weit grössere Kreise als früher die
Wohlthat einer Sommerfrische ?
Wohnen heute nicht weit mehr
Familien den grösseren Theil des
Jahres auf dem Lande' als vor
Erfindung der Eisenbahnen? So
erfreulich diese Erscheinungen
sind, so sehr sie gerade auch
indirekt für die Kunst und direkt
die Gesellschaft von segens-
reichem Einfluss sein können und
sein werden, so ist bisher nicht
sehr viel von einem solchen heil-
samen Einfluss zu Tage getreten.
Weshalb? Weil beide Erschei-
nungen sich meist noch auf Mode
und Nachahmerei auf das »Mitmachen« nach Nachbars Vorbild
zurückführen lassen. Wie wenig gehen auf's Land um die
Natur zu geniessen, um einmal ganz fern von dem Rausche und
Klatsche der Gesellschaft, die Geheimnisse der sie umgebenden
und der in ihnen wohnenden Natur zu ergründen ? Auch hier
ist's meist der Dämon »Schein«, der sie nicht zur Ruhe, nicht
zu sich selbst kommen lässt, der ihr Bedürfniss nach Erholung
und Ruhe wegtäuscht, der sie nur deshalb in Gegenden von
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