Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Mai-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 79.

soll gegen gewisse Kautelen in die Werkstätten der Industrie
und des Handwerks gegeben werden. Kostbare Stücke
oder solche, welche einen grossen historischen Werth haben,
wären auszuschliessen oder doch nur unter ganz besonderen
Vorsichtsmassregeln herzuleihen.

4. Wenn möglich, sollten die Lehrer der mit den Kunst-
gewerbemuseen verbundenen Schulen (mit ihren Schülern)
in die Werkstätten der Handwerker gehen, und wenn sich
die Nothwendigkeit herausstellte, den betreffenden Meistern
und Arbeitern an
Hand alter oder
neuer guter Vor-
bilder dienöthigen
Unter weisun gen
geben.

Wie diese Vor-
schläge sich mit
der bis jetzt von
den Museen ge-
übten Praxis ver-
einigen lassen,
kann ich natürlich
nicht sagen und
muss das einer
berufenen Feder
überlassen. Aber
meines Erachtens
nach würden die
Sammlungen erst
dadurch zu einem
wirklichen Lehr-
mittel unseres
Handwerks — was
sie doch in erster
Linie sein sollen
— und zu einem
Quell nationalen
Wohlstandes.

Die Riedinger-
Sammlung ist in
alle Winde zer-
streut. Aber Ehre
dem Manne, der
sie ins Leben ge-
rufen und dadurch
seiner Branche
und dem Kunst-
gewerbe auf's
Höchste genützt
hat. Hieran dieser
Stelle möchte ich
ausdrücklich kon-
statiren, dass er
schon vor zehn
Jahren den neuen Stil vorbereiten half, indem er damals
bereits die Forderung aufstellte: Jede kunstgewerbliche Auf-
gabe soll vor allen Dingen tektonisch gelöst sein, ferner,
man möge sich befreien von dem konventionellen Schema-
tismus der alten Stile und im Ornament die stilisirte Flora
unserer Fluren verwenden. Wenn er mit seinen Ansichten
nicht durchdrang, so lag dies daran, dass er als Fabrikant
vom Geschmack der Besteller abhängig war und sich ihm zu
fügen hatte, so schwer es ihm manchmal wurde, o. Dewisux.

Die hier gegebenen äusserst interessanten Ausführungen liegen so sehr in der
Zeit, dass wir uns zu der umstehenden kleinen Ergänzung veranlasst sehen. D. R.

MÖBEL-TISCHLEREI IN ENGLANP.

Wie Aufbau und Ornament eines Möbels durch die
Bestimmung desselben formgebend beeinflusst werden,
so sollte auch ein Zusammenhang zwischen jener Bestimmung
und der Bedeutung des etwaigen Schmuckes erkennbar sein.
Dieser Zusammenhang wird von der in England herrschenden
Stilrichtung wenig beachtet. Begnügte sich doch auch

die

Abbildung Nr. 836. Erker-Parthie eines Wohn-Zimmers. Entwurf: Architekt Aug. Nopper, München.

Renaissance
in der Regel,
diesen Schmuck
im rhythmisch ab-
gewogenen, den
Grundformen ge-
fällig ange-
schmiegten, froh
belebten Spiel der
Arabesken zu su-
chen , dabei ihr
Rankenwerk mit
den Putten, den
Lacerten und
pickenden Vögeln,
mit den phan-
tastisch unge-
heuerlichen Mas-
carons und Fabel-
thieren, mit den

vielgestaltigen
Zierschildern und
Trophäen aller
Art in heiterer
Naivität zu ver-
wenden, ohne viel
zu fragen, ob
Schmuck und Ge-
schmücktes in tie-
ferem Zusammen-
hange standen.
Gegen diese Auf-
fassung und gegen
ihre Nachfolge bei
den Neueren Hesse
sich nun nicht
viel einwenden,
wenn der Orna-
mentist dabei ver-
harrte , nur ein
zum Gegenstand
indifferentes Or-
nament zu ver-
wenden, das heisst
kein solches, wel-
ches durch naheliegende, in Wort oder Bild bestimmt aus-
gesprochene Bezüge auf gemeinverständliche Weise den
Vergleich herausfordert mit den Zwecken, denen das Möbel
dienen soll. Es mag ja Fälle geben, in denen die Tendenz
des Schmuckes nicht auf den geschmückten Gegenstand
gerichtet ist, sondern auf ein ausser ihm Liegendes, etwa
auf ein persönliches Verhältniss des Bestellers, oder in
denen sie auf einen in Aussicht genommenen Käufer abzielt.
In solchen Fällen kann allerdings der Nichteingeweihte leicht
das innere Wesen des Schmuckes missverstehen. Es sind
dies aber nur Ausnahmen, und in der Regel ist der Kritiker
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