Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Buchh.-Vertreter: Eduard Schmidt, Leipzig.
Insertions-Bedingungen amjSchJuss derZeitschr.

IX. Jahrg. 1898. -~s Leipzig Darmstadt ^ Wien, -

November-Heft.

Bürgerlicher Hausrat*!.

Von Albert Dresdner.

o erfreulich und verheissungsvoll die Anfänge
unserer jungen dekorativen Kunst sind, so
gibt doch ein Moment in ihrer Entwickelung
zu ernsten Bedenken Anlass. Ich meine den
Umstand, dass sie sich bisher ausschliesslich
oder wenigstens fast ausschliesslich in den
Grenzen einer Luxuskunst gehalten hat. Es
ist ja ganz natürlich, dass die Künstler sich
mit ihren Arbeiten zunächst an die bemit-
telten Kreise wandten; diese bildeten für's
Erste ihr gegebenes Publikum; auch wird
es den Künstler immer reizen, aus dem Vollen arbeiten und
sich der Rücksicht auf beengende materielle Bedingungen
entschlagen zu können. Auf die Länge aber wird dieser
Weg zur Sackgasse. Eine dekorative Kunst, die nur für
den Luxus der Reichen arbeitet, die nicht mit dem gesunden
Kern der Nation Fühlung gewinnt, wird sich schliesslich
nur zu einer Mode entwickeln können, die keinen festen
Halt in unserem Leben besitzt und daher von einer neuen
Mode wieder verdrängt wird. Ich befürchte nicht, dass
es so kommen wird, denn die moderne dekorative Kunst
ist in ihrem Wesen gesund und ist ein Erzeugniss realer
Bedürfnisse; aber die Gefahr liegt gegenwärtig unleugbar
vor, und schon hat die einseitige Bethätigung der jungen
Kunst ernste Nachtheile für sie im Gefolge gehabt. Der
reiche Besteller verlangt in der Regel vor allem etwas ganz
Neues, noch nicht Dagewesenes und fordert den Künstler zur

äussersten Originalität heraus. Das wäre schon ganz schön;
aber die Nur-Originalität ist ein durchaus krankhafter Zustand.
Dieser Zug hat den — man muss sagen — Leichtsinn ver-
schuldet, mit dem die moderne dekorative Kunst mit ihrem
Ideenschatze bisher umgegangen ist. Da ist kaum ein Ge-
danke, der wahrhaft verwerthet, ausgenutzt, auf seine Ergiebig-
keit, auf den möglichen Umfang seiner Wirkungen hin ver-
sucht wäre, dessen sich unsere Künstler in gemeinsamer
Arbeit bemächtigt hätten, um ihn nun auch bis zur äussersten
Tragfähigkeit zu steigern, So haben es aber, wie man sich
leicht aus der Kunstgeschichte überzeugen kann, die Schaf-
fenden in allen grossen Kunstperioden der Vergangenheit
gemacht und durch die intensivste Bebauung eines bestimmten,
mehr oder minder ausgedehnten Gebietes haben sie es zu
geschlossenem Karakter, Stil, höchster künstlerischer und
technischer Vollendung gebracht. Unsere Künstler scheinen
im Gegentheile vor jeder Anknüpfung an das Gegebene, das
bereits Geleistete eine unüberwindliche Scheu zu haben; jeder
von ihnen fängt ganz von vorn an und thut, als ob neben
und ausser ihm nichts existire. In dieser Art hat sich eine
falsche und ungesunde Vorstellung von »Originalität« gebildet
und mit dem Ideenschatze der modernen dekorativen Kunst
ist ein solcher Raubbau getrieben worden, dass bereits jetzt,
nach so kurzer Arbeit, hier und da in ganz beängstigender
Weise eine Erstarrung der Form sich geltend macht, die
nicht von gründlicher Erschöpfung des Gedankens, sondern von
Ermattung des überreizten Originalitätsstrebens sich herschreibt.

Soll dieser Gefahr Halt geboten werden, so muss sich
der Abnehmerkreis der dekorativen Künste weit in unser
Bürgerthum hinein erweitern. Indem so ihre materielle Grund-
lage unendlich sicherer und gediegener würde, würde in
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