Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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August-Heft. Illustr. kunstgewerbl.

die Tapete gedacht wird — so wählt die englische vornehme
Dame, wenn sie neue Räume bezieht, dementsprechend Tapete
und Bordüre. Gewöhnlich ist dann die Farbe der Tapete
die Ergänzung des Getäfels, aber mehr oder weniger heller,
und die Bordüre in derselben Tönung wie die Tapete, doch

Abbildung Nr. 885. Salamander Asbest-Tapete im Karakter des Henri II.-Stils.

dunkler. Graue Farben werden in England sehr häufig an-
gewendet, weil sie die Hervorbringung von Gegensätzen
erleichtern. Sehr beliebt ist die Harmonie des Tones oder
der Schattirung mit der Farbe des Getäfels, wenn die Tapete
weiss oder in einem sehr schwachen Ton gehalten ist, und
die Bordüre durch ihre Farbe nicht sehr stark von jener der
Tapete absticht. Eigenthümlich ist, dass man in England die
Decke nur in sehr seltenen Fällen ornamentirt, wahrscheinlich
deshalb, weil die Zwischendecken in den meisten Gebäuden
Altenglands fortwährenden Schwingungen ausgesetzt sind, und
sich daher eine reichliche Stuckatur bald abbröckeln würde.

Betrachtungen über

ENTSTEHUNG EINES MÖBEL5.

Von Karl Spaeth, Berlin.

Am Schlüsse eines vorhergehenden Aufsatzes (Eine ernste
Betrachtung) ist auf den grossen Werth hingewiesen, den
ein eigenes Denken der Freunde guter Wohnungen mit sich
bringt. Es wurde für nothwendig befunden, gemeinsame
Betrachtungen an Entwürfen vorzunehmen, damit auch dem
Laien jene Gesichtspunkte näher gerückt werden, die den
Entwerfenden beim Entwurf leiten sollen.

Nur so würde auch dem kunstverständigen Laien näher
gerückt, was er als Besteller eines Möbels gleichwie eines
Zimmers bedenken sollte und als ersten Anlass, als Grund-
gedanken weiterzugeben hat. Nicht bekannte Rezepte, son-
dern jeden Bestellers eigene Gedanken sind Fundgruben, aus
denen Material zu Neuem hervorgeht; was von Ausführenden
umsomehr zu berücksichtigen ist, als nur allein in eines selbst-
denkenden Bestellers eigenen Gedanken, eines solchen, der
sich die Mühe nimmt, solche aus sich herauszuholen, der
Keim zu dessen behaglichem Zimmer liegt. Solche, wenn
man nur immer so sagen könnte, direkt an der Natur ge-
schöpfte Ideen müssen eben dann vom Fachmann geprüft
und geläutert werden.

Das Leben mit seinen mannigfachen Anforderungen an

Seite 125.

den Menschen, erlaubt ja nicht jedem, in allem auf der Höhe
zu sein. Speziell um in künstlerischen Urtheilen ein Wort
zu sprechen, braucht es eine glückliche Begabung und grosse
ernste Liebe zur Sache. Das ist aber gewiss, dass in jedem
Menschen ein Theil gesunden Menschenverstandes wohnt
und bei manchem leider gewohnt hat, und dieser überall recht-
zeitig hervorgeholt, würde ein höchst nothwendiger Gegensatz
und der Tod all jener Verirrungen sein, die leider immer
von da ausgehen, von wo aus uns das Denken und Fühlen
vergangener Geschlechter gewaltsam aufgedrängt und gelehrt
wird und wo man allein in künstlerischen wie kunstgewerb-
lichen Dingen Führer sein will. Man kann vor dem Miss-
brauch von alten Rezepten nicht genug warnen, es sei denn,
dass wir uns die Fähigkeit, selbst zu denken, nicht zutrauen.

Man sollte gar nicht glauben, wie in unserer so viel-
gelehrten Zeit die meisten Zimmer-Einrichtungen geschaffen
werden, umsomehr es doch nothwendig ist, etwas Urkräftiges
um uns herum zu schaffen, als wir uns, in Nachdenken über
die gewaltige Mutter Natur versunken, von dieser hinweg
in unsere Behausungen zurückziehen. Weder Farbe noch
Leben vermögen wir der grossen Meisterin abzusehen, und
wie Kinder erfreuen wir uns lieber am Schein.

Statt mit Absicht und Willen etwas ins Leben zu rufen,
begnügen sich viele Besteller mit nachfolgendem weibischem
Weheklagen, das gewöhnlich nicht ausbleibt, sobald die
Freuden des Besitzers am echten Rokoko- oder Renaissance-
Zimmer durch manche Unbequemlichkeiten, die sich vorge-
funden, getrübt. Wenn's gut geht, kommt endlich auch die
Einsicht, dass ein fremder Geist im Zimmer sein Wesen treibt,
der sich immer da recht breit macht, wo der Besitzer den
seinen walten lassen möchte. Aber das Opfer ist einmal
gebracht, man hat gute Freunde und Bekannte, welche die
Wohnung und den Geschmack des Besitzers über alles erhaben
finden, so dass dieser amende sich selbst nicht mehr glaubt
und annimmt, dass er wirklich etwas Gelungenes erschaffen.
Ob nun amende die wohllöblichen Freunde und Bekannte
recht gesehen haben, oder die erste Unzufriedenheit des

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Abb. Nr. 886. Salamander Asbest-Tapete im Karakter des italien. Renaissance-Stils.

Besitzers gerechtfertigt war, lassen wir dahingestellt, wir
wollen aber an einem kleinen Beispiel versuchen zu erklären,
wie ein jeder Zufriedenheit und wohlthuende Ruhe vom
Zimmer ernten muss, sobald er die ersten Gründe zur Lebens-
fähigkeit einer Einrichtung aus sich selbst herausholt.

Betrachten wir zu diesem Zweck einmal einen Waschtisch,

Zeitschrift für Innen-Dekoration.
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