Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Februar-Heft.

Illustr. kunstgrewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

.Seite 25.

Mehr Wahrheit uNp Persönlichkeit in jepermaNNs Heim.

Von Ernst W. Bredt.

(Fortsetzung von Seite 22.)

Auch wenn er weiss oder erfährt, dass dieser oder jener j schlechtes Beispiel geben können. Immer mehr findet es in

Plafond nicht — oder doch nicht durchwegs — aus Künstlerkreisen Anklang, gute Gipsabgüsse so täuschend zu

echtem Material besteht, dass jener Mosaikboden [dem im bemalen, dass sie für Original-Bronzen, -Terracotten oder

andern Nebenraume liegendem echten nur täuschend nach- -Marmorwerke gehalten werden könnten und bei jedem

geahmt ist und eines oder
das andere der zahlreichen
antiken Reliefs nicht, wie
es den Anschein hat, aus
Bronze ist, sondern nur
durch die glückliche, raf-
finirte Bemalung des
Meisters ebensoviele Jahr-
hunderte alt erscheint als
es in Wirklichkeit Tage
ist. — Welch' reiche An-
regungen könnten aus
dem Atelier eines Len-
bachs dem Deutschen
— verständnissvollen —
Kunstgewerbler zukom-
men. Allerdings blinde
Nachahmung im Hause
wäre von schlimmen Fol-
gen begleitet. Es heisst
hier ganz einfach: »Quod
licet jovi non licet bovi.«
Wenn sich dies billiger-
weise jener Dresdener
Akademieprofessor ge-
sagt hätte, den ich einmal
durch die Lenbach'schen
Räume begleitete, so wäre
es ihm wohl auch nicht
eingefallen, diese höchst
geschickten und selbst-
ständig künstlerischen

Geist athmenden Nachahmungen kurzweg »Geschnas« zu
nennen. Für's Publikum sind derartige Imitationen gewiss
»Geschnas«; sind sie aber im Atelier oder Heim des Künstlers
für das profanum vulgus bestimmt? Wer aber so streng
sein will, echt künstlerisch veredelte Täuschungen nicht
einmal beim berufenen Künstler anzuerkennen, dem es ja
ganz fern liegt, dadurch etwa seine Vermögensverhältnisse
»bemänteln« zu wollen, der sollte dann auch konsequenter
Weise alle jene zinkenen Ornamente, Gesimse, Vasen und
Balkonträger, wie sie jetzt massenweise nicht nur an Privat-
sondern sogar an monumentalen, öffentlichen Gebäuden ange-
bracht werden, um ihnen nur ein reicheres Aussehen zu
geben, entschieden verwerfen, weil sie weit mehr als jene
»Atelier-Imitationen« dem schlichten soliden Bürger ein

Abbildung Nummer 768. Treppenhalle im Karakter der Spät-Renaissance.
Ausführung: Hartmann & Hbert, Chemnitz i. S.

künstlerisch Denkenden
werden sie Anerkennung
finden müssen, namentlich
dann, wenn wir wissen,
dass jener Künstler nur
deshalb die Imitation vor-
nimmt, weil die Anschaf-
fung des von ihm bewun-
derten überaus kostbaren
Originals ihm einfach un-
möglich ist. Da aber auch
von den Künstlern nur
wenige »Meister« sind,
dürfte allerdings schon ein
weiteres Umsichgreifen
dieser Imitationsfreude in
ihrenKreisen selbst ebenso
mit der Zeit bedenklich
werden wie die immer
wachsende Zahl derjenigen
Bildhauer, die auch eine
ungeschickte polychrome
Plastik jeder einfarbigen
vorziehen. Es kommt
stets nur darauf an, dass
sich der Laie vor ge-
dankenlosem Nachahmen
von Liebhabereien künst-
lerisch Gebildeter hütet.
Künstlerhaus und Bürger-
haus werden immer ein
verschiedenes Aussehen
haben und wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe.
Deshalb verlangen unsere tüchtigsten Fachleute im Hause
des einfachen Bürgers, dem man nur ein einigermassen ent-
wickeltes Schönheitsgefühl zumuthen kann, unbedingt echtes
Material. — So sagt Ahrens a. a. O.: »Die aus irgend einem
Surrogate für Holz gepressten Ornamente, welche anstatt
Schnitzwerk dem Rahmen der Mobilien aufgeleimt werden,
können dem künstlerischen Gefühl und Verständniss nicht
für schön gelten; das einfachste aus echtem Material von
geschickter Hand geschnitzte Ornament hat einen höheren
Werth.« Aehnlich tritt auch C. Gurlitt in seinem beherzigens-
werthen Schriftchen »Im Bürgerhaus«*) für einfache Wahrheit
im häuslichen Geräthe ein: »Die einfache, wenn auch in form-

*) Dresden, J. Bleyl.
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