Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Oktober-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 153.

UEBER MOPERNE BESCHLÄGE.

Von Max Metzger.

Gott sei Dank! Endlich scheint man auch den Beschlägen
wieder erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.
Endlich scheint man ein-
gesehen zu haben, dass
es die schöne »stilge-
rechte« Form allein denn
doch nicht thut! — Was
uns bis jetzt zumeist
an den schönsten und
theuersten Möbeln selbst
als Beschläge aufgetischt
worden ist, entsprach
sicherlich nicht in allen
Zügen den Anforderun-
gen, die man gemeinhin
an solche nothwendigen
Bestand- und Konstruk-
tionstheile zu stellen be-
rechtigt ist. Ich selbst habe
mich schon an den eigenen
Möbelbeschlägen jahre-
lang tagtäglich genug
geärgert; ich möchte aber
gerne alle die Klagen
kennen lernen, die bei der
Untersuchung über die-
sen Gegenstand heraus-
kämen ! Vorerst möge
es denn genügen, meine
Nöthe zu schildern. Da
habe ich z. B. an meinem
Schreibtisch, einem Diplo-
maten-Schreibtisch aus
Eichenholz, wie ihn wohl
tausende von Menschen
besitzen, recht niedlich
entworfene, gegossene
Griffe und Schlüssel-
schildchen aus Messing.
Sie bilden einen hübschen
Schmuck des Möbels und

haben mir s. Zt. — wie ich offen gestehen muss — sehr gut
gefallen. Im Gebrauch haben sich aber recht unangenehme
Mängel herausgestellt und manches zornige Kraftwort ist in
ungeduldigen Stimmungen meinen Lippen entschlüpft. Die
sämmtlichen Schlüssellöcher befinden sich nämlich in einer
ovalen gewölbten Kartusche. Um den Schlüssel richtig ein-
zusetzen, muss man sich bücken und scharf mit dem Auge
den richtigen Ort erspähen. Zumeist stellt sich nun aber das

Abbildung Nummer 921.

Architekten Heilmann & Littmann, München

Bedürfniss, einen Behälter aufzuschliessen und demselben
etwas zu entnehmen, während der Arbeit heraus. Man fährt
mit der Hand rasch in die Tasche, zieht den Schlüssel heraus
und sucht nun hastig, als ob dies eine selbstverständliche
Augenblickssache sei, nach dem Schlüsselloch mit dem steck-
bereit gehaltenen Schlüssel. Da kann man nun umherirren

eine halbe Ewigkeit.
Findet man auch richtig
die ovale Wölbung, so
gleitet man hundertmal
nach rechts und links
und oben und unten ab.
Befindet man sich dazu
noch in etwas nervöser
Hast, so gelingt das
Kunststück überhaupt
nicht. Man muss sich
schliesslich herunterbeu-
gen, bei Nachtzeit die
Lampe heranrücken,wenn
man kurzsichtig ist, das
Auge bewaffnen und ge-
langt dann fast wuth-
kochend an das Ziel seiner
Wünsche. Ich habe mir
in solchen Momenten
schon ausgemalt, welche
Wirkung es haben müsste,
wenn eben zu solchen
Zeiten einmal die Thüre
sich öffnete, ein Mann
hereinträte und sich höf-
lich verbeugend vor-
stellte als Erfinder dieser
Schlüssellöcher auf er-
höhtem glattem Plateau.
Ich glaube — heidi! das
nächste Buch, das Tinten-
fass oder sonst etwas
flöge als Geschoss durch
die Luft. Solche Märchen-
phantasien sind glück-
licherweise gestattet und
können von dem Betrof-
fenen, wenn ihm zufällig
diese Zeilen zu Gesicht kommen sollten, nicht als eine
Bedrohung aufgefasst werden. Die Stimmung ist aber in
der That bei solchen Gelegenheiten danach und daraus ist
die Sinnlosigkeit dieser »Originalität« am besten zu erkennen.
Zu den Zeiten der Gothik und der Renaissance wurde es den
Menschen bequemer gemacht. Besondere Zuführungen in
Form aufgesetzter Ranken wiesen dem irrenden Schlüssel
energisch den richtigen Weg. Und zur Zeit unserer Gross-

Pschorr - Bräu - Bierhallen zu. München.
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