Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Oktober-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 159.

wurf gesehen für einen — Thürdrücker. Einige Entwürfe
von einem belgischen Künstler entbehren noch zu sehr der
bequemen Anpassung an die zufassende Hand. Die franzö-
sischen Entwürfe neigen zu sehr nach der Originalitätssucht
und vernachlässigen dafür die praktischen Erwägungen. Am
praktischsten sind zur Zeit noch die englischen und amerika-
nischen Thürgriffe.

Auch die Vorschläge für Schlüsselgriffe sind zum grössten
Theil unannehmbar. Jüngst wurden solche in Form eines
gebogenen Hakens sogar aufgetischt! Heutzutage trägt man
die Schlüssel fast durchweg in
der Tasche und nicht am Gürtel,
das sollte man denn doch be-
denken ! Die nicht geringe Kraft-
aufwendung auf den Schlüssel-
griff beim Umdrehen ist ebenfalls
sehr in Rechnung zu ziehen.

Es gibt jedenfalls 'noch viel
zu thun für denkende Zeichner;
hoffentlich sehen wir bald schöne
Erfolge!

Hauptallee bilden. Denn auf diese beschränkt sich im wesent-
lichen das künstlerische Element. Die übrigen Theile (wie die
Avenue der »Ernährung«) zeigen unter der Fülle holder Mittel-
und Untermittelmässigkeit wenig erfreuliche Ausnahmen wie
z. B. den Brauherrenpavillon (entworfen vom Chef-Architekten
Dressler und in sehr freizügiger Weise dekorativ geschmückt
von Bildhauer Hajdd). Hajda hat übrigens auch sein dekora-
tives Gestaltungsvermögen an dem »Pavillon der Stadterwei-
terung« in grossem Umfange mit Geschick zu verwerthen
verstanden, während die von verschiedenen Händen gemalten

Wiener jubiiäums-
ausstellung 1898.

Zur eingehenderen Würdigung
der in dem vorliegenden Hefte
abgebildeten vier hervorragenden
Ausstellungs - Bauten geben wir
hier einen Theil des Berichtes von
Wilh. Schölermann- Wien wieder,
der im 12. Heft der Zeitschrift
»Deutsche Kunst und Dekoration«
(Verlag Alexander Koch, Darm-
stadt) veröffentlicht wurde.

»Blickt man an einem sonnigen
Tag in der Wiener Jubiläums-
Ausstellung im Prater die grosse
Avenue von der Rotunde aus
hinunter bis zur »Urania« am an-
deren Ende, so ist das Bild über-
raschend hell und freudig. Weiss
und hellgrün, mattroth und violett
flimmern rechts und links durch-
einander und spielen in zarten
Tönen an den Fassaden entlang.
Dabei 'liegt im Ganzen eine an-
genehme Harmonie, die nur ver-
einzelt durch krassere Buntheiten
gestört wird. Sogar die Garten-
stühle haben ihr trübes Grau-
schwarz mit einem satten Roth
vertauscht, das sich wiederum gut

vom Grün des Pflanzenhintergrundes abhebt. Das ist die
erste Empfindung. Rückt man den Dingen etwas näher auf
den Leib, so entdeckt man freilich bald, dass die helle Sonne
auch hier wieder mal in ihrer unendlichen Güte auf Gerechte
und Ungerechte herniederscheint. Manches ist schlimm, recht
schlimm, vieles erborgt in dieser »modernen Architektur«, die
so unbesorgt und heiter den Ehrentitel des neuen Stils anzu-
nehmen durchaus nicht abgeneigt ist. Neu, freilich ist diese
Art, aber Stil ist es noch nicht, man müsste dann von einem
speziellen »Wiener Ausstellungsstil« reden wollen. Denn etwas
Wienerisches ist wirklich darin. Das kann als der Grundzug
der besseren Baulichkeiten bezeichnet werden, welche die grosse

Abbildung Nr. 928. l'schorrbräu - Bierhallen zu München. Architekten Heilmann & Littmann, München.

Fresken an den Giebeln und Zwischenfeldern der Fassaden
einen recht gemischten Karakter tragen. Nur die Farben sind
durchwegs gut. Das beste an malerischem Wandschmuck
zeigen die Innenräume zweier kleiner abseits liegender Pavillons,
die dem Genuss des Gersten- und des Rebensaftes gewidmet
sind. Die von den Malern Kurzweil und List flott und sicher
hingeworfenen Wandbilder zeigen ebenso viel feinen Farben-
sinn wie ausgesprochen dekoratives Empfinden und glück-
lichen Humor.

Zu den besten Leistungen auf architektonisch-dekorativem
Gebiet gehören die der Architekten Baumann, von Gotthilf
(»Wohlfahrtshalle«) und Pletschnik, sowie auch die »Urania«,
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