Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Juli-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 107.

Der Werth der Kunst wird dadurch bedingt, dass sie
gebundener ist als die Natur. Die Aufgabe des Künstlers
ist nicht diese Gesetze im blinden Drang der Individualität
zu überwinden, sondern sich ihnen zti fügen. Je weniger
äussere Wahrheit einer Kunst zu geben vergönnt ist, um so
mehr innere kann sie hervorbringen. Malerei und Dichtung
stehen in der Mitte. Bei ihnen sind die Forderungen äusserer
und innerer Wahrheit gleich stark. Da diese beiden Künste
so grosser äusserer Wahrheit fähig sind, ist die Gefahr um
so grösser, in diesem Vordergrund stehen zu bleiben, d. h.
naturalistisch zu werden. Musik und Zierkunst sind vor dieser
Gefahr geschützt, da sie überhaupt nichts mit den Vorder-
gründen zu thun haben. Naturalistische Musik ist Geräusch,
naturalistisches Ornament Karikatur. Durch diese Beschränkt-
heit auf der einen, wird ihre Intensität auf der anderen Seite
bedingt, gleichwie eines Blinden Tastwerkzeuge feiner ent-
wickelt sind als die eines Sehenden.

Darum spricht man in Versen, ob es gleich Prosa gibt,
darum werden mühsam Mosaik zusammengesetzt, obwohl
Leinwand und Farben bestehen.

Die äussere Beschränktheit wird zum inneren Reichthum,
sowie die Gehemmtheit des Leibes oft die Seele vertieft.

ZU UNSEREN ILLUSTRATIONEN.

Leider steht uns nicht immer der erforderliche Raum zur
Verfügung, die reiche Vorbilderfülle unserer Hefte den
Lesern durch etliche begleitende Textworte noch näher zu
rücken. So müssen wir uns oft mit knapp gefassten Unter-
schriften begnügen, die natürlich nur über Urheber und Her-
kunft der einzelnen Schöpfungen nothdürftig Auskunft geben
können. An und für sich empfinden wir diese Selbsterkennt-
niss nicht gerade schmerzlich angesichts des wirklich gedie-
genen und ausgereiften künstlerischen Materials, das unstreitig
unsere Text-Illustrationen sowie die Kunst-Beilagen bergen.
Was hülfe uns ein schwulstiger breiter Text, der da nach-
zuhelfen oder gar zu ergänzen versuchte, was den Abbildungen
an sich fehlte, um sie nur dadurch den Beschauern geniessbar
zu machen, wie das so häufig bei minderwerthigem Illustra-
tionsmaterial der Fall ist! Eine gute, vielsagende, künstlerisch-
individuelle Schöpfung kann schliesslich auch ohne Lied und
Beschreibung bestehen, jeder wird aus ihr etwas herauslesen
oder auch hineinlegen nach rein persönlicher Auffassung —
während auf der anderen Seite noch lange nicht ein schlechtes
Bild durch einen noch so guten und umfassenden Text besser
und dabei auch vorbildlicher wird.

Auch das vorliegende Heft hätte eines begleitenden i
Wortes zu seinen Illustrationen entbehren können, nochzumal
die Interieurs der Lenbach'schen Villa, die von einem ebenso
genialen Maler wie Architekten gemeinsam gestaltet wurden,
bereits durch die treffenden Ausführungen Ernst Wilhelm
Bredt's volle Würdigung fanden. Doch auch die von dem
Architekten Antonio Lasciac in Kairo geschaffenen Interieurs
für Seine Hoheit Said Halim Pascha verdienen unsere ganz
besondere Beachtung durch die feinsinnige Verarbeitung italie-
nischer Gothik in den Prunkräumen eines orientalischen Fürsten,
der nicht nur Sinn für abendländische Kunst verräth, sondern
auch in der Wahl seines Architekten gut berathen war, denn
dieser schuf Räume von wirklicher repräsentativer Vornehm-
heit und einheitlich monumentalem Gepräge. Das kommt :
namentlich in dem Speisesaal und dessen reichgestalteter !
skulpirten und polychromirten Decke zum Ausdruck, die die
besten Motive zeigt, die auf italienischem Boden in diesem
Stile auf uns überkommen sind. Von ganz eigenartigem Reiz
und künstlerisch fast noch bedeutender ist der Salon in orien-

talischem Stil, für dessen Durchbildung sich Auftraggeber und
Architekt noch besser verstanden zu haben scheinen. In ihm
scheint ein letzter Rest der alten orientalischen Märchenpracht
neu erstanden zu sein, die hoffentlich im modernen Kairo
nicht als einzigstes Beispiel dem Vordringen der abendlän-
dischen Kunst die Spitze bieten wird.

Die Abbildungen Nr. 863 und 864 geben uns noch glän-
zende Lösungen ganz moderner Zimmer-Ausstattungen aus
dem Atelier der in den letzten Jahren besonders in den Vorder-
grund getretenen und schon jetzt bestens bekannten Dekora-
tionsfirma Schneider & Hanau in Prankfurt a. M. - r Die in
Abbildung Nr. 865 wiedergegebene dekorative Studie von
Hans Schlicht in München bietet mancherlei Anregung für
die freie Verarbeitung alter Motive, die hier in so reizvoller
Darstellung neuen Ausdruck gefunden haben. D. R.

Die Wohnstätte eines Malerfürsten als Vorbild
für Jedermann's Heim.

Von Ernst Wilhelm Bredt. (Schluss von Seite 102.)

Nur der Fussboden dünkt mir verfehlt zu sein, der mit
marmormosaikartig bemaltem Linoleum belegt ist. Die Imi-
tation ist nur deswegen nicht glücklich, weil das Auge
getäuscht wird, während der Fuss gleichzeitig das wirkliche
Material fühlt. — Aber das kann uns den günstigen Gesammt-
eindruck aller dieser Räume nicht im geringsten beeinträch-
tigen. Wir werden grad hier immer wieder von den vor-
nehmen Farbenzusammenstellungen von dem Reichthum an
einzelnen Schönheiten entzückt und wünschen nur immer
diese Räume betrachten zu können.

Wir beschliessen hiermit den Rundgang durch diese
schöne und einzigartige Wohnstätte unseres grössten Portrait-
malers, den ich gleichzeitig den Meister der Dekoration nennen
möchte. Vom Vestibül aus werfen wir nur noch einen Blick
in das kleine und enge Speisezimmer, in dem der Meister
des Mittags im Kreise seiner Gattin, seines flachslockigen
Töchterchens und einer kleinen Zahl anderer Schönen eine
durch Fremde vielgestörte und oft gekürzte Ruhestunde ver-
bringt. Denn mancher oder manche kommt wohl auf der
Durchreise gerade zu dieser Zeit, um, gestützt vielleicht auf
einen hochklingenden Namen oder eine andere Empfehlung,
wenn möglich, die Persönlichkeit Lenbach's kennen zu lernen.
Auch uns allen liegt wohl dieser Wunsch nahe. — Vielleicht
gelingt es uns schon die Persönlichkeit des Meisters in kurzen
Zügen uns zu vergegenwärtigen, indem wir uns das der Eigen-
art seines Hauses Karakteristische ins Gedächtniss einprägen.

In der ganzen Anlage vornehm — eine durch und durch
gross angelegte Natur. — Nichts Zappeliges, keine »Mätzchen«
— ruhiges Verfolgen eines grossen Zieles, unbekümmert um
augenblicklichen Beifall. — Das Schöne jeder Zeit und jeder
Art schätzend — ein Weltmann, der nicht einem engen
Kreise seine Bildung dankt. — Werthschätzung auch materiell
werthloser Dinge, wenn sie nur schön sind — Werthschätzung
der Menschen nur nach Leistung und Herz. Freigebig, wenn
es gilt, eine grosse Idee schön auszusprechen — in der That
freigebig gegen andere, anspruchslos für sich selbst.

Alles aus eigenster, wahrhaftiger Freude an der Sache
schaffend und wählend — rücksichtslos im Verurtheilen dessen,
was ihm schlecht und falsch dünkt. Immer ein Ganzes vor
Augen — ein ganzer Mann.

Diesem Geiste ist nachzustreben, von dieser Art muss
das Heim eines jeden zeugen, denn dann, aber nur dann,
wird es uns jüngeren bald gelingen, auch den grossen Ideen
einer herangebrochenen neuen Zeit in unserem ganzen künst-
lerischen Leben klaren und vollendeten Ausdruck zu verleihen
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