Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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September-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 137.

Moperne Restaurations-Räume.

II. Neuere Restaurations - Bauten in Hamburg und Kiel.

Von Julius Faulwasser, Hamburg.

iffallender als der Schmuck unserer
intimen Wohnräume darf derjenige
eines öffentlichen Wirthschafts-
lokales komponirt werden, denn
während jener ein und demselben
Besitzer auf längere Zeit hinaus
dauernd Freude und Behagen
schaffen soll, sind die Gäste des
Restaurants mehr oder weniger
täglich andere oder verweilen
wenigstens nur verhältnissmässig
kürzere Zeit. Andererseits muss der Schmuck, der dort nur
dem individuellen Geschmack des einzelnen Besitzers zu ent-
sprechen braucht, hier dem Urtheil einer breiten Allgemeinheit
standhalten. Doppelt müssen wir es daher schätzen, wenn
ein Künstler solcher einfachen Kritik frei die Stirn bietet
und sein Werk ungeachtet aller zu erwartenden Einwürfe
nur seinem künstlerischen Impulse folgend, in allen Theilen
einheitlich zu Ende führt. Unsere Abbildungen zeigen einige
in dieser Beziehung sehr karakteristische Beispiele, deren
Besonderheiten wir in Nachfolgendem zusammenzufassen ver-
suchen wollen.

Die Abbildungen Nr. 904 und 905 geben zunächst ein
Bild des ca. 90 Plätze enthaltenden Hauptrestaurationssaales

vom Hotel Schloss-
garten in Kiel, welches
von dem dortigen
Architekten Carl Voss
erbaut ist und seine
Ausschmückung ge-
meinsam dem Land-
schaftsmaler G. Bur-
mester in Möltonvet
und dem Dekorations-
maler O.Vehrs in Kiel
verdankte. Die ge-
schickte Anlage, die
zwischen eingebauten
Tragesäulen überaus
gemüthliche und den-
noch nicht völlig ab-
geschlossene Sitz-
plätze schafft, die
glückliche Lage des
Büffets, das durch
Bildung einer geräu-
migen Nische weit zu-

Abb. Nr. 902. Entwurf G. Burraester, Möltonvet. rückgerückt Werden

konnte, die zugfreie kleine Empfangsvorhalle und die bequeme
Verbindung mit allen erforderlichen Nebenräumen sind Vor-
züge, die die sicher schaffende Hand des erfahrenen Archi-
tekten dem Lokal von
vornherein gesichert
hat. Durch das Hinzu-
treten des malerischen
Schmuckes aber ist
dasselbe zu einer
Sehenswürdigkeit ge-
worden, wie die Stadt
Kiel eine solche bis
zum Beginn dieses
Jahres noch nicht be-
sessen hat. Ohne alles
gesucht Bizarre, sind
die Motive der Malerei
durchweg direkt der
Natur entnommen und
in freier und farben-
prächtiger Behand-
lung ausgeführt. Die
durch die Architektur
geschaffene straffe
Umrahmung aller
Flächen unterstützt
den Effekt dieser
Schmuckweise auf das
beste. In anscheinen-
der Wirrniss, aber mit
sicherer Beherrschung
der Farbenwirkung
sehen wir Sonnen-
blumen, Mohnblüthen,
Tulpen und Lilien
hinter einer dicht ge-
drängten Reihe von
Narzissen hervor-
spriessen. Bei dem
letzten nicht mehr

durch einen Bogen unterbrochenen Wandfeld umschliesst
dieser Blumenflor eine Landschaft mit prächtig aufgehender
Sonne und der Inschrift »Der Sonnenschein schafft alles Sein«,
ein Spruch, der sinnbildlich gewiss auch auf die stets fröh-
liche Schaar der Gäste dieses schönen Lokals bezogen werden
kann, die dem Raum in Gemeinschaft mit den immer meist
weiss gedeckten Tischen und im Kontrast zu der Eichen-
täfelung und der Teppichmalerei der unteren Wände erst zu

Abb. Nr. 903. Entwurf G. Burmester, Möltonvet.
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