Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Seite 64.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitsc

hrift für Innen-Dekoration.

April-Heft.

dem materiellen und dem ideellen Wohle des ganzen Volkes
dient. — Lange genug ist jetzt das Sprüchwort: »Handwerk
hat goldenen Boden« Lügen gestraft worden. Die Zeit-
umstände sprechen jedoch dafür, dass das Wort gerade in
unserem Maschinen-Zeitalter wieder zu seinem vollen Rechte
kommen kann. Es heisst nur: man muss die Feste feiern
wie sie fallen, d. h. die von der Zeit gegebenen Verhältnisse
so gut wie möglich ausnützen. Geschieht dies, so wird nicht
nur der Handwerker, je kunstsinniger er ist, um so eher zu
einem Verdienste kommen, sondern er wird gleichzeitig uns
alle einer Zeit, die auch das häusliche Leben durch die Ge-
bilde der Kunst verschönt, entgegenführen.

Das Bedenken, welches in uns aufsteigt, wenn wir die
Geschichte der künstlerischen Glanzepochen durchblättern,
dass häufig gerade solche Zeiten, in denen die Kunst ihre
grössten Triumphe feierte, sittlichen Verfall oder gar staat-
liche Auflösung im Gefolge hatten, das Bedenken darf uns
nicht abhalten, alle Hebel in Bewegung zu setzen, unser
Volk zu einem durch seine Kunst berühmten zu machen.
Also voran mit der Schönheit. Besser ein ruhmvoller Tod
als ein elendes Leben!

In grosses Unglück lernt ein edles Herz

Sich endlich finden; aber wehe thut's,

Des Lebens kleine Zierden zu entbehren. (Schiller)

Wie wir aber im Wesentlichen sowohl, wie im Einzelnen
am sichersten zu einem solch idealen Ziele gelangen können,
das sollte diese Schrift durch Hinweisung oder Abweisung
darthun. Die Summe, die sich aus allen hier angestellten
Beobachtungen ergibt, ist die: dass jeder für sich ztmächst
ernstlich, d.h.-frei von jeder Absichtslosigkeit oder Ostentation
darnach strebt, in seinem eigenem Heime sich nur mit solchen
Dingen zu umgeben, die seinem abgeklärten und schöneren
Ich voll und für alle Zeit entsprechen. Denn » Wer ideale
Ziele verfolgt, muss sie mit Liebe zur Sache, zu seiner per-
sönlichen Befriedigung verfolgen, 'wenn wir sein Streben als
ein ideales anerkennen ivollen. Der Egoismus zvird zum
Ideal, wenn er der Menschheit zu gute kommt« *).

£U UNSEREN ILLUSTRATIONEN.

"jVToch immer haben wir uns mit einer sehr reichhaltigen
■*■ ^ Musterkarte von »Stilarten« für unsere Wohnungs-Ein-
richtungen zu beschäftigen. Unverkennbar ist ja das fleissige
Bemühen aller betheiligten künstlerischen Kräfte: Architekten,
Maler, Bildhauer und Kunsthandwerker im Durchringen nach
neuen Formen, die möglichst wenig oder auch gar nicht an
die Kunstschätze unserer Museen erinnern. Zweifelslos sind
wir auch bereits ein gutes Stück weitergekommen, denn wir
kopiren doch wenigstens nicht mehr so krampfhaft, immer
mehr dringt doch das Vorrecht der persönlichen Kompositions-
gabe durch und wir haben uns dieser Wandlung gemäss daran
gewöhnt, nicht mehr stilgetreue Nachbildungen zu fordern,
sondern höchstens leise Anklänge an die karakteristische
Formenwelt einer früheren Stilepoche — denn nach ganz
eigenartig-modernen Innen-Ausstattungen tragen bisher die
wenigsten ein Verlangen.

So zeigen auch die Abbildungen dieses Heftes noch
mehr ein Gesammtbild der allgemeinen Kunstbedürfnisse der
gut bürgerlichen Kreise, mit denen die Produktion als auf
der solidesten und zuverlässigsten Grundlage schaffend, dauernd
zu rechnen haben wird. Wo wir innerhalb dieses grossen
Arbeitsfeldes auf neue bezw. fremde Formen stossen, da sind
es Typen englischen oder amerikanischen Ursprungs, die in
erster Linie eine starke Import-Entwickelung ausländischer

*) R.Stricker, Skizzen a. d. Lehranstalt für experimentale Pathologie. Wien 1892.

Kunstindustrie-Erzeugnisse zu uns brachte, wie ja überhaupt
die kaufmännische Triebfeder der gewichtigste Faktor für
die Bevorzugung fremder Kunstwerke geworden ist. — Ab-
bildung Nr. 795, Vorplatz mit eingebauter Treppe und Kamin-
sitz , entworfen von Jos. Draeger, Wien, zeigt englischen
Einfluss und ebenso die in Abbildung Nr. 796 gegebene
Erker-Studie von Hartmann & Ebert in Chemnitz i. S., die
trotz ihrer deutschen Renaissance-Architektur dem englischen
Sofageschränk Aufnahme gewährt hat. So war es ja seit
jeher, das bewegliche Möbel ist wandelbarer und umbildungs-
fähiger als die struktiven Theile, die den Raum bilden. Mehr
deutschen Einfluss verrathen die übrigen drei von Hartmann
& Ebert in Chemnitz i. S. in den Abbildungen Nr. 797, 801
und 802 wiedergegebenen Entwürfe: Vorzimmer in flämischem
Renaissance - Karakter und die Bibliotheks - Einrichtung in
renaissancirender Gothik, die äusserst stimmungsvoll anmuthen.
— Ein Gemisch von Formen, zumtheil in recht glücklicher
Verschmelzung, bietet uns H. Bäumer, Barmen, in seinem
Herrenzimmer-Entwurf, Abbildung Nr. 798; es sind hierbei
englische Motive vorbildlich gewesen und im Detail walten
barocke und ostasiatische Linien vor. Abbildung Nr. 800,
Studie zu einem Wohnzimmer mit eingebautem Erker von
Walter Dehring, Berlin—Gross-Lichterfelde, verräth in den
Möbeln vorwiegend englisches Genre, während in der Nischen-
malerei im Landhaus Erdmann in Zehlendorf bei Berlin, Ab-
bildung Nr. 803, von Maler G. Neuhaus, Berlin, ausgeführt,
ein echt deutscher Zug neuerer Richtung liegt, wenn auch
etwas an die westfälische Schule und Aldegrever erinnernd.
Modern ansprechend sind auch die sechs zierlichen Servier-
tischchen, Abbildungen Nr. 805 bis 810, von Architekt H.
Friedel, München, gehalten, die aus leichtem Stab werk und
ausgesägten Brettern zu arbeiten sind. Abbildung Nr. 811
und 812 bieten gute Sitzmöbel in französischem Geschmack,
der Ofen geht auf süddeutsche Hafner-Arbeiten zurück. —
Für die vornehme Welt zählen noch immer die französischen
Interieurs im Stile irgend eines Ludwigs oder auch des grossen
Napoleons als besonders repräsentationsfähig — und mit Recht.
Aus guten Gründen hält Frankreich, das sonst so vorstürmend
auf dem Gebiete der hohen Kunst sich bethätigt, an seinen
Ueberlieferungen in Bezug auf Möbel und Dekoration fest.
Pariser Möbel gelten noch heute als Meister- und Muster-
leistungen , der englische Markt hat sie bisher wenig beein-
flusst. In der ersten und zweiten Beilage, sowie in der Ab-
bildung Nr. 813 bieten wir drei durchgeführte Interieur-Studien
von Emanuel Klischowski, Paris — jetzt in Berlin —, die,
obgleich sie ganz unverkennbare moderne Anpassung zeigen
an deutsch verarbeitete englische Einrichtungen, französische
Grundstimmung verrathen.

Aus jüngster Zeit modernen Gestaltens muthen uns ganz
besonders die von Wilhelm Michael, München, geschaffenen
Entwürfe und Möbel an, die markante konstruktive Feinheiten
zeigen, die wiederum in innigstem Zusammenhange mit den auf-
gewendeten Ziermitteln stehen. Das ist mal wieder ein Künstler,,
der nicht als Nachahmer von Werle zu bezeichnen ist, sondern
der selbständig in Werle'schem Geiste schafft. Die in den Abbilds
Nr. 815 und 816 gebotenen Entwürfe von Michael sind ganz
deutsch empfunden; sie lassen uns hoffen, dass die Auswüchse,,
die zum Theil die malerische Richtung in wilden Linienspielen
gezeitigt hat, in deutschen Möbeln nicht ausklingen werden.
Der Lichtkörper mit dem schönen gothischen Laubkranz — Ab-
bildung Nr. 804 — nach einem Entwürfe des begabten Oskar
Dedreux ausgeführt von L. A. Riedinger, Augsburg, führt uns.
wieder zu unserer Einleitung zurück — der Zauber der alten
Formenwelt wird stets wieder neuen Bildungen dienen und
diese werden ein Abbild ihrer Zeit sein. O. Sch. — K.
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