Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Mai-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für I'nnen-Dekoration.

Seite 73.

EiN PriVat-Museum.

Das Riedinger-Museum in Augsburg, dem leider nur eine
kurze Lebensdauer beschieden war, verdankte seine
Entstehung der Initiative des damaligen Fabrikbesitzers August
Riedinger. Dieser, der ein nicht gewöhnliches Verständniss
für die künstlerische Erziehung des Handwerkers, eine seltene
Kunstbegeisterung und Sammelfleiss besass, war mit Gedon
bekannt geworden und bald verband die innigste Freundschaft
die beiden genialen Männer.
Der letztere war es auch,
der ihn die Schönheiten der
Meisterwerke alter Kunst
verstehen gelehrt. Von Natur
ohnehin mit einer ausser-
ordentlich feinen Empfindung
für das wirklich — und was
mehr sagen will, für das
Einfach-Schöne ausgestattet,
im Besitz eines sehr bedeu-
tenden Vermögens, das ihm
jeden Luxus und jede Aus-
gabe gestattete, gelang es
ihm in kurzer Zeit nicht allein
seine Wohnung zu einer ge-
radezu idealen, aber überaus
behaglichen Heimstätte, sei-
nen Garten und Park zu
einem Juwel der Gartenbau-
kunst zu machen, sondern
auch seine Bronzewaaren-
fabrik zu einer der ange-
sehendsten in Deutschland
zu erheben. Hauptsächlich
in deren Interesse sammelte
er als Lehrmittel für seine
entwerfenden Architekten
wie für die Arbeiter seiner
Werkstätten und er brachte
eine solche Fülle von kunst-
gewerblich werthvollen Gegenständen in jedem Stil und in
jedem Material zusammen, dass sich die gebieterische Forde-
rung eines feuersicheren Raumes für diese zum Theil ausser-
ordentlich kostbaren Stücke nicht mehr abweisen liess.

Architekt Wilhelm Maus (jetzt in Frankfurt) entwarf den
sehr zweckmässigen Grundriss, während der Unterzeichnete
die Ausgestaltung des Innern und der Fassaden übernahm.

Nun ist das Museum in doppelter Hinsicht interessant,
einmal als eigenartig gelöste architektonische und dekorative
Aufgabe, dann aber, weil man an den Resultaten der unter
dem Einfluss guter Vorbilder entstandenen kunstindustriellen
Erzeugnissen ersehen kann, wie wichtig solche Lehrmittel
sowohl dem entwerfenden Künstler, wie dem ausführenden

Abbildung Xr. 827. Küchenschrank. Entwurf von R. Godron, München.

Arbeiter zu werden vermögen, wenn ihm solche jeden Augen-
blick zur Verfügung stehen. Es ergeben sich denn ohne
weiteres Schlüsse auf die bestehenden staatlichen Kunst-
institute und eine Erklärung, warum diese im grossen ganzen so
geringen Einfluss auf das Gewerbe ausüben. Doch davon später.

Gehen wir vorerst zur Beschreibung des Gebäudes über.
Der künstlerische Sinn des Bauherrn stellte die Bedingung,
das Bauwerk mit den möglichst geringsten Mitteln herzu-
stellen. Es lag diese Bedingung freilich schon in der Auf-
gabe selbst, denn nicht das Haus, sondern die darin enthaltenen

Objekte sollten die Haupt-
sache sein. Auch als in-
tegrirender Bestandtheil der
Fabrik, deren Baulichkeiten
ihrem Zweck entsprechend
Nutzbauten waren und denen
es sich harmonisch anzuglie-
dern hatte, bedingte es, dass
seine Fassaden in der schlich-
testen Backstein-Architektur
ausgeführt werden mussten.
Die Karakterisirung als
Museum geschah lediglich
durch die Hervorhebung des
grossen Museumsraumes und
durch einen den Eingang
markirenden Portikus aus
Backsteinpfeilern. Mehrere
antike Cäsarenköpfe, einige
an den Aussenwänden ein-
gemauerte mittelalterliche
und Renaissance - Reliefs,
mehrere alte Wappen bilde-
ten einen malerischen und
zugleich karakteristischen
Schmuck der Fassaden, deren
intimer Reiz durch darüber
gewachsenen Epheu und wil-
den Wein noch erhöht wurde.
Durch den ähnlich wie die
Fassaden behandelten Por-
tikus eintretend, gelangte man, eine hohe, beinahe wie eine
römische Tempelthür gestaltete Pforte passirend, in den Haupt-
raum : das Museum. Es war dies ein grosser oblonger Saal, die
Stuckdecke desselben ein elliptisches Tonnengewölbe, dessen
Gurten und Priese mit zierlichen Perlschnüren und deren von
diesen eingeschlossene Felder durch Abgüsse antiker Rosetten
und einige reizvolle Engelsköpfchen geschmückt waren.

An den Wänden standen einfache braune Kästen, in
denen befanden sich die kleineren Kunstgegenstände, welch'
letztere chronologisch, aber doch so geordnet waren, dass ein
Stück das andere zur Geltung brachte.

Ueber diesen Schränken und zwar die ganze Wandfläche
füllend bis zum Kämpfer des Gewölbes hinauf spannten sich
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