Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Oktober-Heft.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Seite 151.

der Angstschweiss tritt auf die Stirne, Portemonnaie und
Portefeuille werden durchwühlt. Ein Bleistift fällt knallend
zu Boden. Man zischt. Endlich hat der Fetzen Pappe oder
Blech sich wieder aufgefunden, man wischt sich die Stirne
und lobt und preist die heilsame Einrichtung einer
Garderobe, die immer ein Architekt gedankenlos dem andern
nachmacht. So ist auch die Garderobe im Kaim-Saal. Wir
nehmen an, dass der Architekt sich hier in einer Zwangs-
lage befunden habe. Die Unternehmer verzichten aus einer
gewissen Kleinlichkeit, die sich gerade bei solchen Herren
doppelt schlecht ausnimmt, nur ungern auf die Garderobe-
Pacht. Die muss aber zuerst fallen, ehe an eine Reform

nimmt, auch dazu berechtigt ist. Für die Ränge bezw. Galerien
hat man dieses Prinzip auch schon allgemein acceptirt, wo-
gegen die Sperrsitse und Parterres gewöhnlich noch auf die
alten Quälereien angewiesen sind. In München liegen die
Garderobe-Verhältnisse noch sehr im Argen, weshalb wir
Gelegenheit genommen haben, den Münchener Unternehmern
und Direktoren einmal unsere Meinung zu sagen.

Die Akustik im »Kaim-Saale« ist nicht sehr gut, wenn
auch nicht gerade sehr schlecht. Allein hieraus lässt sich erst
recht kein Vorwurf gegen den Architekten herleiten, weil
eben die Akustik einmal ein Zuf alls - Treff er ist und bleibt.
Im übrigen ist die Innen-Architektur theilweise sehr originell

Abbildung Nr. 918. Restaurations-Raum im Cafe Mirabell zu München. Architekt Baumeister Trump, München.

dieses wichtigen Theiles einer jeden öffentlichen Kunst- und
Vergnügungs-Anstalt gedacht werden kann. Das einzig ver-
nünftige und menschenwürdige Prinzip ist das: »Bediene
dich selbst!« Man sorge für behagliche, den Sitzplätzen nahe-
liegende wohldurchwärmte Räume. Die Garderobe-Nummer
am Haken entspricht der Platz-Nummer. Die Fussböden sind
mit Teppichen oder Matten zu versehen, Spiegel und Toilette-
tische geben dem Innen-Architekten Gelegenheit, seine Kunst
zu zeigen, nicht minder bequeme Sessel und Sofas, wo man
auch einmal ein langweiliges Stück verplaudern kann. Männ-
liches und weibliches Personal ist nur zur Aufsicht und Hülfe-
leistung für die Damen nothwendig. Ihm steht es zu, sich
gegebenen Falles die Eintrittskarte zeigen zu lassen, um fest-
zustellen, ob derjenige, welcher Garderobestücke vom Haken

und schön aus dem Empire-Karakter entwickelt, namentlich
I verdient die Vertheilung der Glühlichter an den Fenster-
Wölbungen und Gesimsen gelobt zu werden. Dülfer ist neben
Hocheder, Heibig und Haiger der karakteristischste und
bedeutendste Vertreter des Münchener Neu-Barock, in dem
auch Elemente des Empire und des Biedermaier-Geschmackes
enthalten sind. Diese junge Schule Münchener Baumeister
ist ausgezeichnet durch das erfolgreiche Bestreben, die Formen
der alten Stile, von welchen sie ausgehen, den neuzeitlichen
Zwecken entsprechend selbständig weiterzubilden. Das tritt
an Dülfers Fassaden in Putz-Barock ganz besonders vortheilhaft
zu Tage. Selten hat ein Privat-Architekt auf die Aenderung
und zwar zugleich Verschönerung der Strassenbilder einer
Grossstadt radikaler und stärker eingewirkt als Dülfer. —
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