Illustrirte kunstgewerbliche Zeitschrift für Innendekoration — 9.1898

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Seite 178.

Illustr. kunstgewerbl. Zeitschrift für Innen-Dekoration.

Dezember-Heft.

achtung gegenüber den Grundgesetzen der Kunst der Flächen-
Erfüllung, war dem Dilettantismus Thür und Thor geöffnet.
Man braucht nur ein Heft des »Studio« in die Hand zu

Abbildung Nummer 951. Landhaus »Norney« in Hackleford. Architekt C. J. A. Voysey, London.

nehmen, um zu beobachten, wie er heute noch Orgien feiert.
Vom Standpunkte der Liebhaberkünste aus lässt sich vielleicht
gar nichts dagegen einwenden. Im Gegentheil, es ist erziehe-
risch entschieden besser, wenn die Frauen und heranwachsenden
Kinder in dieser Weise angehalten werden, sich ihre Zier-
Motive selbst aus der Natur zusammen zu suchen, sie lernen
dann wenigstens sehen und empfangen dabei wohl auch jene
Elasticität und Selbständigkeit des Geschmackes, die den
gebildeten Engländer in Sachen des Gewerbes und der Innen-
Architektur so sehr auszeichnen. In der Kunst, im Gewerbe
jedoch bedeutet diese Auffassung des japanischen Prinzipes
ebenso sicher eine Entartung. Dagegen musste eine Reaktion
erfolgen. —

Und auch die andere Seite des bei uns als »englisch«
schlechthin begriffenen formalen Komplexes, auch die prae-
rafaelitische, zwang zu einer Gegenentwickelung. Schon aus
rein äusserlichen Gründen. Die Erzeugnisse der von den
praerafaelitischen Malern Rossetti, Hunt, Watts, Burne Jones
inspirirten Dekorateure waren sehr kostspielig, es waren Zier-
rathe für Paläste, öffentliche Hallen und Tempel, das bürger-
liche Gewerbe, die eigentlichste und breiteste Grundlage jeder
grossen Kunstübung und -Entwickelung lag fast ganz ausser-
halb des Gesichtskreises dieser Männer von fürstlicher Ver-
feinerung, edelster Gesinnung und erhabener künstlerischer
Bestrebung. Wir glauben die Meinung rechtfertigen zu
können, dass die von ihnen, namentlich von Morris gegebenen
Anregungen weiterwirken werden, aber lediglich in der
Monumentalkunst. Wenn wir festhalten, dass das Wesen des
Praerafaelismus darin liegt, dass die alten Motive und Formen
der Kunst mit einem neuen, modernen Inhalt durchdrungen
und zu etwas ganz anderem umgedeutet werden, so können

wir auch von einer dem englischen Praerafaelismus parallel
laufenden deutschen Bewegung sprechen. Sie beginnt in der
hohen Kunst mit den Romantikern, in der Architektur mit

den Gothikern, wenn
auch noch mit sehr
mattem Flügelschlage
des neuen Geistes.
Dagegen überragt sie
auf dem Gebiete der
Malerei, in den Wer-
ken eines Anselm
Feuerbach, Arnold
Böcklin die englische
Gruppe ganz unge-
heuer, wobei wir es
für prinzipiell belang-
los halten, ob der
Anschluss bei der
Früh- oder Hoch- oder
Spätrenaissance (Ti-
zian) gesucht wurde.
Endlich haben wir in
Meistern wie Bruno
Schmitz in der Monu-
mentalplastik, der den
romanischen Karakter
zu einem neuzeitlichen
Kolossalstil weiter
führte, wie Otto Rieth,
der in der dekorativen
Architektur aus der
Spätrenaissance und
dem Barock neues
Leben gewann, wie
Melchior Lechter, der in seinen Glas-Gemälden und Geräthen
die Gothik neu deutete und als der nächste Verwandte der
englischen Praerafaeliten zu gelten hat, die Ansätze einer
neuzeitlichen deutschen Monumentalkunst zu erblicken, die
nur noch der Zuwendung grosser Aufgaben harrt, um sich
glänzend zu entfalten.

Allein wie bei uns das künstlerische Gewerbe zur Er-
zeugung der Wohnungen und Geräthe seine eigenen Künstler,
die sich an das Bedürfniss anschliessen, neuerdings gewonnen
hat, so auch in England. Nur dass die brittischen Meister,
getragen von einer unvergleichlich viel lebhafteren Theilnahme
der wohlhabenden Kreise, der führenden Architekten und
Industriellen, einen grösseren Wirkungskreis, tiefergehende
Bedeutung und kräftigere, reifere Eigenart erlangen konnten
als die Mehrzahl der jungen Deutschen. Drei der hervor-
ragendsten dieser englischen Gewerbe-Künstler, die sich vom
Japonismus und Praerafaelismus emanzipirt haben und im
engen Anschluss an die Bedürfnisse ihres Volkes und ihrer
Zeit neue Häuser, Innenräume und Geräthe entwerfen und
ausführen, sollen in diesem und dem folgenden Hefte in Bild
und Wort gekennzeichnet werden: Voysey, Ashbee und Scott.*)
Um zunächst die künstlerische Eigenschaft zu nennen,
durch welche sich diese drei vor fast allen gleichstrebenden
Deutschen auszeichnen, so sei der ihnen gemeinschaftliche
praktische Sinn, ihr echt gewerbliches Empfinden an erster
Stelle hervorgehoben. Man sieht ihren Erzeugnissen sofort
an: sie sind nicht um des Zierrathcs willen, sondern um
ihrer selbst willen geschaffen. Der Meister wollte zunächst

*) Wir bringen in diesem Hefte eine Serie von Abbildungen nach Voysey,
das folgende Heft wird den Schluss dieses Aufsatzes mit sehr zahlreichen
Reproduktionen nach Ashbee und Scott enthalten.
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