Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Baidung

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nämlich, mit dem aufgerichteten Hasen im quer-
geteilten grüngoldenen Schild und derselben Figur
als Kleinod ist das des Freiburger Kirchenmeisters
Aegydius Has, dessen ausdrucksvoller, an Dürers
Holzschuher gemahnender Graukopf von Baidung
auf dem Sockelbild der Rückwand des Hochaltars,
unter den Porträts der Hüttenpfleger verewigt
wurde. Laut eines alten Inventarverzeichnisses be-
fand sich das Votivbild bis 1520 auch in einer
Kirche zu Freiburg. Das Datum 1510 rechts
vorne ist, wenn nicht ursprünglich, doch nach einer
alten Inschrift erneut; so macht, beiläufig bemerkt,
auch auf dem männlichen Porträt Baldung's in der
Londoner Nationalgalerie die Jahreszahl 1514 neben
dem gefälschten Dürermonogramme den Eindruck
der Echtheit (s. die Bemerkung im Descriptive
and historical catalogue of the pictures in the Na-
tional Gallery, London 1892, Nr. 245). Baidung
war demnach in Straßburg noch mit dem Freiburger
Ratsherrn Gilg Has bekanntgeworden, der auch 1518
auf dem seitens der Münsterfabrik mit dem Maler
abgeschlossenen Leibgedingsvertrag unter den Pfle-
gern erscheint (vgl. H. Schreiber, Das Münster zu
Freiburg in Br., in .Denkmale deutscher Baukunst
des Mittelalters am Oberrhein", II. Liefg., Freiburg
1826, Beilagen S. 24). Der Titel „Obrister", den
er hier führt, ist wohl gleichbedeutend mit Ober-
zunftmeister. In einem Streitfalle zwischen dem
Stadtrate und der Metzgerzunft erwähnt das 1494
begonnnene „Geschichtsbuch von Freiburg", das sich
auf dem dortigen Archiv befindet, einen Zunftmeister,
Namens Has (s. Zeitschr. d. Gesellschaft für Beför-
derung der Geschichts- etc. Kunde von Freiburg
IV, 454). Ist er mit unserem Hüttenpfleger iden-
tisch, so hat ihn seine Zunft nachmals in den Rat
gewählt. Denn in der Überschrift jenes Predellen-
bildes heißt Has „Plebejus magistratus", wie denn
sein Familienwappen durch den geschlossenen Stech-
helm als bürgerliches gekennzeichnet ist.

Aus der Straßburger in die Freiburger Zeit
hinüber führt auch die Reihe badischer Fürsten-
porträts, die Baidung geschaffen hat. Schon in
Straßburg wird der Künstler einzelnen Mitgliedern
des markgräflichen Hauses nähergetreten sein. Dem
neugewählten Bischof Wilhelm von Honstein gaben
bei seinem feierlichen Einreiten i. J. 1507 die Söhne
Christophs L, Philipp und Christoph, das Ehrenge-
leite (Bühler's Chronik im Bull. d. 1. soc. p. 1. con-
serv. d. monum. histor. d'Alsace, IIe Serie, XIII, 66);
ein dritter Prinz, Carl, lebte und und starb (1510)
als Domherr in Straßburg, welche Würde auch

seine Brüder Rudolf und Christoph bekleideten.
Von 1511 stammt nun der Holzschnitt Baldung's
mit dem Brustbilde des Markgrafen Christoph
(Eisenmann 144), aus dem folgenden Jahre die
Silberstiftstudie im Karlsruher Skizzenbuche zu dem
Porträt von 1515 in der Münchener Pinakothek.
Ein nach dem genannten Holzschnitte ausgeführ-
tes Bildnis der Karlsruher Kunsthalle (Nr. 87; Licht-
druck bei F. v. Weech, Zähringer in Baden, Karls-
ruhe 1881, S. 24) wird von Janitschek (Gesch. d.
deutsch. Mal. 407) in das nämliche Jahr 1511 versetzt.
Dieses Bildnis muss jedoch endgiltig aus der Liste
der Gemälde Baldung's gestrichen werden. Es ist
einfach der in Farben übersetzte Holzschnitt, unter
Hinzufügung des Christoph schon 1491 verliehenen
goldenen Vließes; dass das Bild nicht mehr nach
dem Leben gemalt wurde, geht, von der, weil mög-
licherweise später aufgesetzt, nicht ausschlaggebenden
Inschrift „Dem Gott Gnad" abgesehen, allein schon
daraus hervor, dass der Künstler dem Markgrafen
hellblaue Augen geben konnte statt der dunkel-
braunen, die er thatsächlich besaß. Die verblasene
Formauffassung, der trockene Fleischton und die
breite Pinselführung vervollständigen den posthumen
Eindruck des Porträts, das jedenfalls dem vorge-
rückten sechzehnten Jahrhundert angehört und
einen jüngeren Künstler als Baidung zum Autor
hat. Diese zuerst von Ad. Bayersdorfer ausge-
sprochene Beobachtung ist in dem Porträtwerk
Hans Müllers »BadischeFürstenbildnisse", Karlsruhe,
1888 I, 12 (die Einleitung auch abgedruckt in der
Monatsschrift „Nord und Süd" Bd. 44, S. 194 ff.)
und Weech's „Badische Geschichte'' (Karlsruhe 1890,
S. 113) ans Licht getreten, ohne bisher in der ein-
schlägigen Litteratur Berücksichtigung gefunden
zu haben.

Kann also das Karlsruher Christoph - Bildnis
nicht länger für. ein Werk Baldung's gelten, so
muss das Münchener Porträt von 1515 (Pinakothek
287) um so nachdrücklicher als authentisches Kon-
terfei Christoph's von seiner Hand reklamirt wer-
den. Die letzten Auflagen des Pinakothekkataloges
bezeichnen nämlich die dargestellte Persönlichkeit
als Christoph's Sohn, Bernhard III., gestützt auf
eine Doppelinschrift der erwähnten Naturstudie im
Karlsruher Skizzenbuch. Der Herausgeber des Skiz-
zenbuches, M. Rosenberg, hat aber mit Recht den
späteren Charakter beider Inschriften betont, die
gegenüber der außerordentlichen Ähnlichkeit von
Vater und Sohn vollends jede Beweiskraft verlieren;
hiernach hat denn auch W. Brambach seine ältere,
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