Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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bewilligt, wobei jene Beträge nicht eingerechnet
sind, welche für die Instandsetzung kirchlicher Bau-
werke aus den laufenden Mitteln des Religions-
fonds bestritten wurden.

Mit der vorangeschickten Darstellung ist, wie
zum Schluss ausdrücklich hervorgehoben werden
muss, die .staatliche Kunstpflege" durchaus noch
nicht erschöpft. Zunächst liegt im Wirkungskreise
des Ministeriums für Kultus und Unterricht selbst
noch außer dem Angeführten eine Reihe weiterer
Agenden, welche mit der Pflege der Kunst im eng
sten Zusammenhange stehen, wie die Förderung von
Ausgrabungen und sonstigen archäologischen Unter-
nehmungen, die Erhaltung oder Subventionirung
archäologischer Museen, Sammlungen und Vereine,
die Unterstützung oder direkte Veranlassung von
kunstwissenschaftlichen oder archäologischen Publi
kationen. Außerdem ist aber noch in Betracht zu
ziehen, dass neben dem Ministerium für Kultus unil
Unterricht auch andere Centraibehörden ihren Be
sitz und Bedarf an Monumental- und öffentlichen
Bauten selbstständig erhalten und besorgen, so na
mentlich das Ministerium des Innern, das Finanz
und Ackerbauministerium und das Justizministerium.

Erst eine zusammenfassende Darstellung aller
dieser Maßnahmen einschließlich der eben geschil-
derten ressortmäßigen Wirksamkeit des Ministeriums
für Kultus und Unterricht würde einen Uberblick
über die gesamte Thätigkeit der Staatsverwaltung
auf dem Gebiete der Kunstpflege gestatten.

KORRESPONDENZ.

Aus Dresden, den 0. Februar 1895
(Schluss.)

Es wäre sehr erfreulich, wenn die leitenden
Persönlichkeiten, die an der Spitze des sächsi
sehen Kunstvereins stehen, die Principien der Ar-
nold'schen Kunsthandlung zu den ihrigen mache-i
und dadurch den Besuch der neuen Lokalitäten des
Vereins im akademischen Kunstausstellungsgebäude
auf der Terrasse lohnender gestalten wollen, als er
in den alten Räumen auf der Augustusstraße die
letzte Zeit hindurch war. An dem guten Willen
dazu mag es ja nicht fehlen, doch sind gerade in
Dresden, wo gelegentlich auch sehr mittelmäßige
Künstler Unterstützung und Förderung vom Kunst-
verein erwarten, die Verhältnisse besonders schwierig,
so dass ein großes Maß von Klugheit und Umsicht dazu
gehört, um gleichzeitig den Wünschen der Mitglieder
und der Anforderungen der Kunst gerecht zu wer-

den. Vorerst hat man geglaubt, durch eine Gesamt-
ausstellung sämtlicher Cartons und der dazu gehöri-
gen Einzelstudien des nach Dresden berufenen Ma-
lers Prell das Interesse der Besucher fesseln zu
können. Bekanntlich gehört Prell zu den am meisten
beschäftigten Monumentalmalern unserer Zeit, und
man muss in der That staunen über den eminenten
Fleiß des Künstlers, der in verhältnismäßig kurzer
Zeit nicht nur den Freskencyclus im Berliner Ar-
chitektenhaus und im Treppenhaus des Museums
! in Breslau, sondern auch die Ausschmückung des
; Rathauses in Hildesheim zu stände gebracht hat.
Anders freilich gestaltet sich die Frage nach dem
künstlerischen Wert dieser gewaltigen Arbeitsleis-
tung, die ja nach den Cartons allein nie richtig be-
urteilt werden kann. Aber eines lässt sich wenigstens
schon auf Grund ihrer Prüfung feststellen, das ist
die entschiedene Vorliebe des Künstlers für opernhafte
Effekte, die unsere ganze Monumentalmalerei seit
Piloty's Auftreten nicht wieder los werden zu kön-
nen scheint, und die nach unseren Erfahrungen ge-
rade diejenigen Künstler am meisten verraten, die
wie Prell über einen großen Schatz technischen Kön-
nens verfügen. Es ist daher von besonderem Inter-
esse, einen Vergleich zwischen Prelis Verfahren und
demjenigen eines der Führer und Meister der alten
Schule, nämlich dem Friedrich Overbeck's anzustellen,
dessen Cartons zu den sieben Sakramenten gerade jetzt
auf ihrer Wanderfahrt auch nach Dresden gelangt
sind und hier im Kunstverein zum Verkauf ange-
boten werden. Auf den ersten Blick hin erscheint
ein solcher Vergleich sehr zu Ungunsten Overbeck'*
auszufallen, dessen primitive Technik, die sich mit
einfachen Umrisszeichnungen begnügt und kaum die
Schatten andeutet, sich gegenüber derjenigen Prelis
wie das Lallen eines Kindes gegenüber der selbst-
bewussten, mit allen Mitteln der Rhetorik ausgestat-
teten Kunstsprache des geschulten Redners ausnimmt.
Sieht man aber näher zu, was freilich bei den schon
stark verblichenen und vergilbten Zeichnungen nicht
so leicht ist, so erkennt man bald, dass Overbeck
doch weit mehr und Tieferes zu sagen hatte, als
Prell, und dass man nicht ohne weiteres behaupten
darf, dass uns die gegenwärtige Geschichtsmalerei
einen wirklichen Fortschritt über diejenige Overbeck's
und seiner Genossen hinaus gebracht habe.

Im übrigen zeigt die gegenwärtige Ausstellung
des Kunstvereins jene von früher her bekannte
Mischung mittelmäßiger und unerfreulicher Markt-
ware, die ja überhaupt die Signatur dieser Art von
Unternehmungen bei uns in Deutschland bildet, die
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