Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HEEAUSGEBEE:

CARL VON LÜTZOW und DR. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Wartenburgstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VI. Jahrgang.

1894/95.

Nr. 20. 28. März.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine GewTähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, llud. Messe u. s. w. an.

BALDUNG-STUDIEN.

VON ROBERT STIÄSSNY.
III.')

Olasgemälde.

An der großartigen Entwickelung, zu der die
Glasmalerei in der Schweiz und am Oberrhein seit
dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts gelangte,
hatten die Maler und Zeichner, die den ausübenden
Künstlern vielfach die Vorlagen besorgten, bekannt-
lich nicht geringen Anteil. Unter den schöpferischen
Talenten, die sich mit ihren Erfindungen in den
Dienst dieser Zierkunst stellten und die Blütezeit
der Kabinettsmalerei heraufführen halfen, neben den
Holbein, Nicolaus Manuel, Urs Graf behauptet auch
Baidung einen ersten Platz. Bei der bedeutenden
Zahl seiner Visirungen zu Glasgemälden, vorwiegend
Wappenscheiben, muss es, der Vergänglichkeit dieser
kunstgewerblichen Erzeugnisse ungeachtet, auffallen,
dass bisher nur ein einziges, nach einem Entwurf
seiner Hand gemaltes Fenster bekannt geworden
und dass gerade dieser Entwurf noch nicht zum
Vorschein gekommen ist.2) Es ist das St. Annen-

1) Siebe Kunstchronik N. F. V, Nr. 19, Sp. 137ff., VI,
Nr. 7, Sp. 97 ff.

2) Hingegen lässt sieh die Liste seiner gesicherten Vor-
studien zu Tafelbildern um zwei weitere Blätter vermehren.
Die Federskizze einer weiblichen Nacktfigur im Berliner
Kupferstichkabinett, Nr. 2171, ist der erste Gedanke der
„Himmlischen Liebe" auf dem Hexenbilde von 1523 im
Staedel''sehen Institute zu Frankfurt a. M. (Braun 73) und
die 152 (?) datirte Helldunkelzeiehnung mit dem Pilger Ja-
cobus d. ä. in den Ufßxien, Nr. 1045 (Braun 955, Brogi
1833) hat als Vorlage zu der flrisaille auf einer der Flügel-

fenster in der Anna- oder Alexanderkapelle am nörd-
lichen Hahnenturm des Münsters zu Freiburg i. Br.
Laut Hüttenrechnung v. J. 1515 wurde Baidung für
die Visirung zu diesem Fenster und eine zweite
Arbeit, die Bemalung von Wappenschilden an den
Zunftplätzen in der Kirche, mit 12"2 Schillingen
bezahlt. Das Gemälde selbst ist bei H. Schreiber,
Geschichte und Beschreibung des Münsters zu Frei-
burg i. Br., 1825, S. 241, W. Füssli, Zürich und die
wichtigsten Städte am Rhein etc. I, 1842, S. 413 f-,
in Marmon's Münsterbüchlein, 1878, S. 91 f., und in
Fr. Baer's Baugeschichtlichen Betrachtungen über
U. L Frauen Münster, 1889, S. 67, so einlässlich ge-
schildert, dass hier nur weniges nachzutragen er-
übrigt. Die in das vierteilige Fenster recht glück-
lich eingeordnete Komposition hält sich an das üb-
liche Schema für derlei Sippenbilder und zwar an
die einfachere Form (vgl. A. Schultz, Die Legende
vom Leben der Jungfrau Maria, S. 42). Der Mittel-
sitz einer dreiseitigen Bank von rötlichem Sandstein
nimmt die Annaselbdrittgruppe ein: vom Schöße
Maria's strebt das nackte Kind der Großmutter zu,
die ihm eine Birne reicht. Rechts sitzt Maria Cleo-
phae, links Salome, zu Füßen der beiden Frauen
spielen auf dem bunten Fliesenboden ihre sechs
Kinder. Uber die hohe, durch Blendarkaden ge-
gliederte Rückwand der Bank blicken die Brust-
bilder Josephs und der drei Gemahle Annas, über

rückseiten des Domii/ikaneraltares im Histor. Museum der-
selben Stadt gedient. Der 1510 datirte Entwarf zum Mittel-
bilde dieses Altares, der sich im Stuttgarter Kabinett be-
findet, wurde Baldung-Studien i (Kunstchronik n. F. V, Sp.
140) zuerst besprochen.
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