Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherschau.

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binett immer wieder zu betreten, um diese Meister-
schöpfungen, die so anspruchslos auftreten, auf Geist
und Herz wirken zu lassen. Wann wird dagegen das
Ausstellungspublikum im großen ganzen den Wert sol-
cher Sachen zu begreifen auch nur den Anfang machen?

Erwähnung verdienen noch 12 Radirungen in der
Italienischen Abteilung, welche nicht landschaftlichen
Charakters, den dem Mailänder Radirerverein (Tenola
d'aqua forte della famiglica artistica di Milano) ange-
hörenden Vettare Orubici zum Autor haben. Tiefer Ton
und kräftiges Helldunkel zeichnen sie aus. — Vortreff-
lich zu nennen sind deren noch zwei große prachtvolle
Radirungen des Spaniers Dclon Krios, ein großes Por-
trät Garibaldis mit prachtvoll behandeltem Hintergrund:
der Tiber mit der Peterskirche in Rom, und ein großes
Erntefeld mit wundervoll gezeichneten Schafen im Vorder-
grunde. Beides große, stolze Blätter.

Unter den wenigen Zeichnungen, welche die Aus-
stellung enthält, sind diejenigen von J. Forain zu nennen.
Diese teils in schwarzer Kreide, teils mit der Feder aus-
geführten, aufs flüchtigste hingeworfenen, meisterlichen
Karikaturen, nehmen ein mit Blumen geschmücktes Vesti-
bül ein. Die elegante Erscheinung dieser feinkartonirten
Zeichnungen in dem freundlichen Räume, kontrastirt
aufs grellste mit den dargestellten Gegenständen, die als
durchaus anstößig zu bezeichnen sind.

Man mag ihnen ihre Meisterschaft lassen, aber in
Verbindung mit den von Künstlern beigegebenen Unter-
schriften sind sie durchaus keine harmlosen Scherze
pariser Lebens, sondern skandalöse Enthüllungen von
Zuständen, die lieber nicht illustrirt werden sollten. —
Ein Pastellbild in der französisch-spanischen Abteilung,
das Vestibül im Cafe mit seinem zweifelhaften Publi-
kum darstellend, ist ebenfalls trotz seiner widerlichen
Typen meisterlich zu nennen, abschreckend ein abscheu-
liches, junges, nacktes Weib vor ihrem Toilettentisch
sich die Füße waschend.

Die Kehrseite des weiblichen Körpers spielt über-
haupt in dieser Ausstellung eine Hauptrolle. In Grossos
Bild ist sie der Lichtmittelpunkt geworden, wie in der
Fortuna des E. Tito, die uns den Rücken wendet. Die
Weiber selbst sind nicht frecher geworden, als in früheren
Zeiten, aber ihre Darstellung als freche Geschöpfe mit
großem Kunstaufwand wird stets zahlreicher. Nach
öfterem Besuche der Ausstellung fällt es ungemein auf,
welche Menge von Leichenbegängnissen oder doch wie
oft Tod und Trübsal dargestellt werden. Das Auf-
fallendste jedoch ist die Gleichgiltigkeit des zahl-
reichen Publikums, welches immerhin, wie zu Anfang
der Ausstellung zuströmt. Niemand erwärmt sich für
das oder jenes ausgestellte Bild so recht von Herzen.
Man vermisst das große Kunstwerk, etwas ganz Außer-
ordentliches; und doch sind viele meisterliche Bilder zur
Ausstellung gelangt, an welchen Sinn und Geist sich er-
freuen könnten. Wie dankbar war früher das Publikum

für das Einfachste, was ihm geboten wurde! Heute hilft es
nichts mehr, wenn der Maler sich auch das Äußerste er-
laubt, um die Gleichgiltigen aufzurütteln. Jedenfalls
hat die Menge der wiederkehrenden Ausstellungen das
Ihrige zu dieser seltsamen, beklagenswerten Erscheinung
beigetragen. Auch eine nächste internationale Aus-
stellung, die hier in zwei Jahren wieder stattfinden
wird, wird dieses vom Publikum ersehnte Bild nicht
bringen. Das Publikum scheint altersschwach geworden
zu sein. Lassen wir uns durch all das die Freude an
der wahren Kunst, welche uns auch in dieser Ausstellung
oft und glänzend entgegentritt, nicht stören und hoffen
wir, dass das Ausland durch den in jeder Beziehung statt-
gehabten Erfolg dieser Ausstellung veranlasst, zahlreicher
sich auf der nächsten einfinden wird und mit dem Besten,
was es bieten kann. Ist ja doch auch die Zahl der
verkauften Kunstwerke bis heute auf die Nummer 89
gestiegen und erreichte die Summe von 446 905 Frs.,
wovon nur 9 Nummern auf die Bildhauerei kommen.

A. WOLF.

BÜCHERSCHAU.

Robert de la Sizeranne, Im peinture Anglaise con-
temporaine. Paris, Hachette et Cie. 1895. 338 pp. 8°.
3 fr. 50 c.

* Die moderne englische Schule tritt mehr und mehr in
den Gesichtskreis des continentalen Kunstpublikums. Aus-
stellungsberichte, Broschüren, Bücher, Illustrationswerke be-
schäftigen sich mit ihr, und mit der Kenntnis wächst das
Interesse an dem uns lange fern gebliebenen Gegenstande.
Der vorliegende, aus einer Artikelfolge der „Revue des deux-
Mondes" hervorgegangene Band ragt aus der Durchschnitts-
litteratur über die englische Malerei durch einen seltenen
Verein fachmännischer und schriftstellerischer Eigenschaften
des Autors empor. Sizeranne betrachtet die Kunst mit den
Augen des Malers, analysirt das Wesen des Künstlers mit
dem Scharfsinn des Psychologen und schildert die Entwicke-
lung des Kunstlebens mit der Feder des Historikers. Wer
sich über die Entstehung der modernen Schule in England
seit den Tagen der Prae-Raft'aeliten und über den heutigen
Stand der Dinge jenseits des Kanals, vornehmlich über die
sieben führenden Meister: Watts, Hunt, Leighton, Alma-
Tadema, Millais, Herhomer und Burne-Jones, Orientiren will,
dem kann das Sizeranne'sche Buch nur wärmstens empfohlen
werden. Die Darstellung hat seit ihrem ersten Erscheinen
in der „Revue des deux-Mondes" mehrere erhebliche Er-
gänzungen erfahren, so z. B. durch einen Rückblick auf die
frühere englische Malerei vor dem Auftreten der Prae-Raffae-
liten, durch eine Reihe von Beschreibungen einzelner Haupt-
bilder der modernen Meister, dann durch Orientirungspläne
der Londoner Galerieen, in denen die modernen Engländer
hauptsächlich zu studiren sind u. a. m. Auch ein sorgfältiges
Register ist dem trefflichen Werke beigegeben.

Photographische Litteratur. Die steigende Bedeu-
tung der Photographie lässt sich heute leicht aus der anschwel-
lenden Litteratur über diese epochemachende Bethätigung des
menschlichen Geistes ermessen. Es erscheinen noch alle Jahre
einige Anleitungen für Anfänger; neue Zeitschriften, die nur
von der Photographie und den verwandten Gebieten handeln,
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