Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HERAUSGEBER:

CARL VON LÜTZOW und DR. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

^ieugasse 58. Warteuburgstrasse 15.

Verlag von E. A. SEEMANN iii LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VI. Jahrgang. 1894/95. Nr. 19. 21. März.

Die Kunstehronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgew erbcblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstehronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshaudlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshaudlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

EIN WIEDERGEFUNDENER BOTTICELLI.

In diesen Tagen ist in Florenz ein bisher ganz
unbekanntes Werk des Sandro Botticelli zum Vor-
schein gekommen, das an Reiz der Darstellung und
Güte der Ausführung den gefeiertsten Werken dieses
eigenartigsten Interpreten der Antike unter der Flo-
rentiner Künstlerschaft des Quattrocento ebenbürtig
zur Seite tritt. Es ist ein hohes Leinwandbild mit
zwei lebensgroßen Figuren. Rechts steht in Schritt-
stellung ein jugendliches bekleidetes Weib. In der
Linken hält sie eine mächtige Hellebarde, mit der
Rechten packt sie einen schwarzbärtigen Kentauren
bei den Haaren, dessen Miene und Gesten Furcht
und Unterwerfung ausdrücken, obwohl er mit einem
mächtigen Bogen bewaffnet ist und ihm ein Köcher
voll Pfeile über den Pferdeleib herabhängt. — Die
Siegerin, ein blühendes, schönes, schlankes Weib,
trägt einen Kranz aus Olivenzweigen in den dunkel-
blonden Haaren, die in vollen Massen von den Schläfen
auf die Schultern fallen und bis auf die Hüften
herabfluten. Olivenzweige ranken sich ihr gleich
einem Panzer um die Brust, winden sich ihr um die
gepufften Ärmel des Gewandes, hier und dort von
Agraffen in Form von Diamantringen zusammenge-
halten. Diamantringe, die Devise Lorenzo's il Magni-
fico, die schon sein Großvater Cosimo führte, säumen
ihr Kleid am Halse, und, zu dreien und vieren
zusammengeschlossen, bilden sie das eingewebte
Muster des zarten Aveißen Gewandes, das die hohe
Figur vom Nacken bis auf die Knöchel einhüllt und
nur die Füße freilässt, die in gelben Halbstiefeln
stecken Ein Olivenzweig schürzt auch den dunkel-

grünen Mantel über dem Schoß auf, der von der
rechten Schulter herab in einem Bausch um die
Hüften geschlagen ist. Auf dem Rücken hängt an
rotem Bande ein ausgebogener Schild, zum Teil
von den darüber flatternden goldigen Haaren ver-
deckt. Den Boden bildet weicher Rasen, links
türmt sich wildes Felsgeschiebe auf, rechts öffnet
sich der Blick über ein niedriges Holzgeländer in
eine Flusslandschaft. Auf den glatten Fluten segelt
ein Fahrzeug.

Das bis auf moderne Retouchen im Kopf, be-
sonders um Mund und Augen, und einige Aus-
besserungen im Gewand der weiblichen Figur und am
Kopf des Kentauren leidlich gut erhaltene Tempera-
bild ist nicht aus dem Bodenspeicher irgend einer
verlassenen Villa zum Vorschein gekommen, sondern
aus dem Palazzo Pitti! Dort hing es seit vielen
Jahren unbeachtet und schlecht beleuchtet in einem
Zimmer des zweiten Stockes, das zu der bis vor
kurzem vom Duca d'Aosta innegehabten Wohnung
gehört. Ja, es würde noch heute und vermutlich für
alle Zeit an diesem unwürdigen Platze hängen, wäre
es nicht dem eines Tages zur Audienz beim Duca
d'Aosta diesen Raum zufällig passirenden in Florenz
lebenden englischen Maler Mr. William Spence ins
Auge gefallen, der es trotz der schlechten Aufstellung
sofort als Werk Botticelli's erkannte. Durch ihn
wurde Herr Ridolfi, der Direktor der Galerie des Pitti,
auf das Vorhandensein des Bildes aufmerksam ge-
macht. Es ward herabgenommen und einer sofor-
tigen nicht glücklichen Restauration unterzogen,
wobei es sich herausstellte, dass das Gemälde eigent-
lich gar nicht unbekannt sein durfte, da es im
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