Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Erste internationale Kunstausstellung in Venedig.

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jene Frische, die vielen Erfolg bei der Damenwelt
verspricht. Dunkelblondes dichtes Haar fällt beider-
seits bis auf die Schulter herab, ja sogar ein neckisches
Zöpfchen mit bunten Bändern fehlt nicht, um den
jugendlichen Dandy zu kennzeichnen. Uber den
linken Arm ist das dunkelrote Mäntelclien geworfen,
das die linke Hand in zierlicher Bewegung festzu-
halten sucht. Die herabhängende Rechte hält den
Hut. Die Haltung des Körpers, die Stellung der
Beine ist elegant und eigenartig, fast wie bei Einem,
der eben leicht ausschreiten will, oder eben stehen
bleibt. Im nächsten Augenblicke wird sich das
rechte Bein vom Boden lösen und dem linken nähern.
Derlei Züge verraten den Meister. Nun noch die
Hände, zunächst die rechte! Wer sich's vorstellen
kann, wie der Daumen einer mageren Hand aussieht,
wenn diese einen großen weichen Hut hält, so wie
auf dem Bilde, oder wer eine derlei Hand in die-
selbe Stellung bringt und genau ansieht, wird hier
nicht (wie es höchst unvorsichtiger Weise geschehen
ist) von einer verfehlten Verkürzung sprechen, son-
dern vielmehr den Kunstverstand des Malers be-
wundern, der große Schwierigkeiten spielend über-
windet.

Was die linke betrifft, so ist das Motiv der
Hand, die mit leichtestem Druck ein bauschiges
Gewand niederhält, von Van Dyck überaus oft in
allerlei Abwechselung gebraucht worden. Der Maler
gab sich jederzeit Mühe, die Hände in Stellungen
zu bringen, die damals als vornehm gegolten haben
müssen, wiewohl sie uns heute geziert erscheinen.
"Wie geziert halten Van Dycks schöne Damen ihre
Blumen, ihre Kleider! Die Weichheit des aufge-
schossenen Jünglings konnte nicht besser ausgedrückt
werden, als durch die Haltung der Linken, so wie
sie auf dem Bilde zu sehen ist. Die Nachahmer
VanDyck's, zunächst der Holländer PieterLely (Faes),
später Kneller und andere, haben derlei Haltungen
fertig übernommen, aber nie wieder so geistreich
motivirt angewendet wie Van Dyck selbst.

Schauen wir auch noch besonders die Farben
an, jene rotvioletten Töne in den Schatten der Hände,
dann jene durchgeistigte und echt flandrische Pinsel-
führung in den Halbschatten und den Lichtern, so
kommen wir immermehr zu der Uberzeugung, dass
an einen anderen Namen als an Van Dyck hier ein-
fach nicht zu denken ist. Schon aus stilkritischen
Gründen ist Lely, dessen Name vor dem Bilde ge-
flüstert worden ist, Lely mit seinen glatteren, mehr
leeren Formen, mit seiner mehr äußerlichen Auf-
fassung hier ausgeschlossen, auch wenn man sich

über den Anachronismus hinwegsetzen wollte, dass
unser Bild schon vor 1634 entstanden ist und dass
Lely erst 1641 den Boden Englands betreten hat.
Von den kleinen Leuten aus Van Dyck's Gefolge
ist ohnedies vor diesem Meisterwerke niemals die
Rede gewesen. Es hieße also offene Thüren ein-
rennen, wollte man noch ausschließen, dass ein Jan
v. Ryn, David Beck oder Hanneman hier in Be-
tracht kommen. Denn kaum bei ganz unwesent-
lichem Beiwerk wird an dem Wiener Bilde die Pranke
des Löwen vermisst. Es ist, wenn eine begründete
Meinung geäußert werden darf, einer der besten Van
Dycks, die Wien aufzuweisen hat.

Wien, 27. April 1895.

DR. TH. v. FRTMMEL.

ERSTE INTERNATIONALE KUNSTAUS-
STELLUNG IN VENEDIG.
(VOM 1. MAI BIS 22. OKTOBER)

So ist denn doch das den meisten Unglaubliche zur
Wahrheit geworden: die „Venezianische Internationale
Kunstausstellung" ist zu stände gekommen und durch
S. M. den König feierlich eröffnet worden. Unterrichts-
minister Bacelli hielt die entsprechende Rede. Für Vene-
dig, ja für ganz Italien ist das Zustandekommen dieser
Ausstellung ein großes künstlerisches Ereignis. Ist es
ja doch die erste Internationale Kunstausstellung auf
italienischem Boden. Der Ausstellungsgedanke wurde
gefasst, als das italienische Königspaar 1893, seine sil-
berne Hochzeit feiernd, auf die von allüberall kommenden
Ovationen und Geschenke verzichtend, empfahl, die vorhan-
denen Fonds und den guten Willen in gemeinnützige oder
den Armen zu gute kommende Stiftungen umzusetzen.
In verschiedener Weise fand diese hochherzige Anregung
ihren Widerhall. In Venedig dachte man, eine alle
zwei Jahre wiederkehrende Kunstausstellung auf größerer
Basis dem Zwecke der Mildthätigkeit dienstbar zu
machen, vielleicht etwas zu kühn und zu hoch die Über-
schüsse in Anschlag bringend. Genug, der Gedanke ward
weiter gepflegt und entwickelt und man beschloss, nach-
dem Richardo Selvatico, der geistvolle Dichter und Kunst-
freund, Bürgermeister von Venedig, zum Vorstande eines
aus den besten Kräften zusammengesetzten Komitees ge-
wählt war, diese Ausstellungen zu internationalen zu
machen und votirte einen ersten Preis von 10,000 Lire.

Dieser Preis wurde für das beste aus dem Auslande ein-
geschickte Kunstwerk bestimmt. Manhoffte ferner, mittelst
Einladungen an die hervorragendsten Künstler Europa's
dem italienischen Publikum etwas ganz Außerordentliches
bieten zu können. Die italienischen Künstler, die Vene-
zianer, von denen die Einladung ausging, mit eingerech-
net, waren von der Preisbewerbung ausgeschlossen, sowie
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