Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherschau.

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in seinem Essay über „Geistige Kunst" mit den
Worten aus:

„Das fruchtbare Leben der Welten fühlen, —
das einfache Leben des Alls, die Seele, die in den
Augen der Jungfrauen schlummert und die im ent-
setzlichen Geheimnis der Felsen ruht — das strah-
lende Geheimnis der Dinge fühlen, darin leben und
mit bewegter und von unsäglicher Freude zitternder
Stimme es stammeln — es mit bebender Hand fest-
halten: Mystizismus."

„Und dann unter allen bedeutungsvollen Dingen
herauswäblen, was den größten und schönsten Teil
der schwingenden Seele enthält, was die andern in
seinem tieferen Wesen widerspiegelt und was sich
durch seine vollkommenere Form am meisten der
unbedingten Einheit, dem höchsten Traum nähert:
Symbolik."

„Eine reine, klangvolle, strenge und schöne
Sprache, ohne irgend etwas von dieser leichtfertigen
und zerfahrenen WTeise, die heute Schwung ist —
kein Dunkel, keinen Wirrwarr, die kräftige Schön-
heit, die Feinheit ohne Verziertheit, das ist, was
diese jungen Künstler erstreben."

„Fern liegt es ihnen, Dinge und Ereignisse zu
beschreiben, es heißt nur: hervorrufen und mit Hilfe
wesentlicher Worte zuflüstern. Sie werden keine
neuen Erfindungen machen, und Gesellschaftsfragen
lassen sie kalt, die Menschen sind für sie von ge-
ringem Interesse, denn ihre Aufmerksamkeit lenkt
sich auf den Menschen, und Glaubensbekenntnisse
haben für sie nur durch den darin eingeschlossenen
Schönheitsgehalt einen Wert."

„Sie sind keine Sittenprediger und lieben nur
die Schönheit, die Schönheit, die Schönheit!"

Das also wäre ungefähr, was wir in der näch-
sten Zukunft zu erwarten haben. Über allem aber
steht in der Kunst, immer und immer wieder die
Schöpferin neuer Werte: die Persönlichkeit.

WILHELM SCHÖLEKMANN.

BÜCHERSCHAU.

Moderne Malerei. Eine Studie von Em. It&nxoivi. Wien,
Hartleben, 1895. 63 S. 8».

* Die vorliegende Broschüre behandelt den zum Tages-
gespräche gewordenen Gegenstand nach allen Seiten, sowohl
was die Künstler angeht, als auch in Bezug auf die Stellung,
welche das Publikum der Sache gegenüber einnimmt. Mit
vollkommener Objektivität hebt der Verfasser die Verdienste
der modernen Malerei hervor, hält aber auch in keiner Weise
mit der Verurteilung ihrer Verirrungen, Ausschreitungen und
Übertreibungen zurück; es wird ihre Sucht, einerseits das
Hässliche als die wahre Wahrhaftigkeit darzustellen, anderer-
seits in archaistischen Nacbempfindungen und in gemalter

Mystik sich zu gefallen, bekämpft. Wir finden da die reli-
giöse, die Geschichtsmalerei, die Bildnis-, die Landschafts-
malerei, wie sie sich von dem Zuge der Zeit beeinflusst dar-
stellen, besprochen; einzelne hervorragende Meister werden
in knapper und prägnanter Form charakterisirt, ebenso einzelne
bedeutende Schöpfungen; die Meinungen bedeutender Meister
der Gegenwart üher die Aufgabe der Malerei werden zitirt
und überall ist das Bestreben sichtbar, möglichst zur Klä-
rung der Frage beizutragen. Bei aller Anerkennung der
Verdienste der „Modernen" wird aber wiederholt und nament-
lich am Schlüsse der Ausführungen betont, dass der Maler,
welcher in seiner Kunst Werke von bleibendem Werte
schaffen wolle, — Genie haben müsse, dass dies aber stets
selten gewesen und immer selten bleiben werde und daher
Künstler und Publikum es begreiflich finden sollten, dass
unter den tausenden und abertausenden von Gemälden, welche
alljährlich erzeugt werden, wenn es hoch kommt, nur einige
Dutzend Bilder ersten Ranges sein können.

* Neue Ausgaben. Von Wilhelm Lubke's „Geschichte
der deutschen Kunst", dem letzten größeren, meisterhaft
geschriebenen Buche des berühmten Autors, erscheint so-
eben (Stuttgart, Neff) eine neue Lieferungsausgabe in zwanzig
reich illustrirten Heften. — Die treffliche „Stillehre der
architektonischen Formen des Altertums", im Auftrage des
k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht verfasst von
Aloys Hauser, ist (Wien, Holder) kürzlich in dritter Auf-
lage erschienen. Das mit 173 Originalholzschnitten aus-
gestattete Buch hat in der neuen Bearbeitung eine Eeihe
dem Stande der jüngsten Forschung entsprechende Ergän-
zungen erfahren.

Ein Lexikon russischer Künstler. Im allgemeinen ist
man in Deutschland geneigt, alle Litteratur-Erzeugnisse der
Russen, Polen, Böhmen und Ungarn als nicht vorhanden
anzusehen, weil man sich nicht die Mühe nimmt, diese ver-
meintlichen Barbaren-Sprachen zu lernen. Aber sehr mit
Unrecht; denn wenn auch nicht zu verlangen ist, daß ein
west-europäischer Gelehrter Chinesisch, Hindustani oder
Persisch lerne, so müsste er sich wenigstens um das kümmern,
was die Gelehrten Ost-Europas auf ihren Gebieten geleistet
haben, und zu diesem Zwecke gewisse Sprachen lernen.
So z. B. wird der Kunsthistoriker, der nicht willkürlich die
russischen Künstler bei Seite lassen will, sich notgedrungen
der russischen Sprache befleißigen müssen, und er dürfte
ihr Studium nicht zu bereuen haben. Welchen Reichtum
an Künstlern aller Art er aber zu berücksichtigen hätte,
das geht aus der ersten Lieferung des eisten Bandes folgenden
in russischer Sprache erscheinenden Werkes hervor: „Lexikon
russischer Künstler, Bildhauer, Maler, Architekten, Zeichner,
Graveure, Lithographen, Medailleure, Mosäiharbeiter, Maler
von Heiligenbildern, Gelb- und Hot-Gießer, Ciseleure u.s. w.
von den ältesten Zeiten bis auf unsere Tage (11.—19. Jahr-
hundert) verfasst mit Zugrundelegung von Handschriften,
Akten, archivalischen Urkunden, autographischen Aufzeich-
nungen und gedruckten Materialien von V. P. Sobko in den
Jahren 1867 bis 1892. Petersburg 1893. Groß-Lexikon-Oktav.
(4°.) Auf 350 Seiten behandelt der Verfasser nicht weniger
als 500 Künstler, deren Namen mit A anfangen, gibt bei jedem
die benutzten Quellen an, fügt vielfach die Porträts der
Künstler dem biographischen Artikel bei, und zuletzt sei es
erwähnt, aber nicht aus Missachtung, er gibt unzählige
meist wohlgelungene Abbildungen von Gemälden, Gebäuden,
Denkmälern, Büsten etc. etc. Das Studium dieses Werkes
dürfte manchem über russische Kunst die Augen öffnen.
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