Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Erste internationale Ausstellung in Venedig. I.

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einem zweiten Bilde, einem vergnügten, aber sehr
ungleichen Paare, einem Kavalier in der Tracht des
17. Jahrhunderts und einer derben, üppigen Küchen-
magd mit dem Kehrbesen in der Hand, die einander
aus gefüllten Gläsern lachend zutrinken, hat Roybet,
etwa im Stile von Frans Hals und Jordaens, wieder
eine prächtige Probe jener Genialität abgelegt, die
wir seit dreißig Jahren an diesem heißblütigen,
temperamentvollen Südfranzosen schätzen. — Haupt-
vertreter der anderen Seite der französischen Sen-
sationsmalerei ist der Wildbach (Le torrent) von
Fernand Le Quesne, ein von hohen Felsen herab-
stürzendes Gewässer, das von Dutzenden von nackten
Wald- und Quellnymphen belebt ist. Sie sollen nach
Art des hellenischen Anthropomorphismus das Toben
des herabstürzenden, Steine und Bäume mit sich
fortreißenden Wildbachs versinnlichen: wie sich die
Cascaden überstürzen, so fallen auch die nackten
Nymphen über- und durcheinander. Die einen stürzen
sich mit Wonne in die Fluthen, die anderen machen
finstere Gesichter dazu, je nachdem der Bach an-
mutig plätschert oder wild hinunterbraust. Das ist
alles sehr geistreich erdacht und mit Hülfe fleißiger
Modellstudien sehr geschickt in einem hellen, kühlen
Tone durchgeführt. Das Bild ist auch für die deut-
schen Künstler noch darum lehrreich, weil es ihnen
den Unterschied zwischen französischer und deutscher
Kunstübung recht drastisch vor Augen führt. In
Paris bringt jeder Salon ein Dutzend solcher Gemälde,
in Deutschland wagt sich kaum jemand aller zehn
Jahre an ein so kühnes Unternehmen heran.

Unter den übrigen französischen Darstellern
di's nackten Körpers stehen William Bouguereau
mit seiner Personifikation der aus einer geöffneten
Muschel aufsteigenden Perle und Joseph Wenckcr
mit seiner herrlichen, im Waldesdunkel stehenden,
rothaarigen Jägerin obenan. Mit Absicht hat der
Künstler hier wohl die mythologische Etikette
' „Diana" verschmäht. Denn diese nackte Jägerin
ist eine moderne Pariserin, mit allen Feinheiten und
Schönheiten, aber auch mit einzelnen Degenerationen
dieses nervösen, aber Geist und Sinn immer gleich-
mäßig reizenden Frauentypus. Bouguereau's nacktes,
in scheuer Demut auf der Perlmutterschale knieendes,
dunkelhaariges Mädchen ist ein köstliches Abbild
einer eben zur Beife gediehenen Jungfrau. Wie
immer, wirkt auch in diesem Bilde der unverwüstliche
Idealismus dieses Mannes, an dem alle Teufelssprünge
der Pariser Modernen spurlos vorübergehen, sieghaft
und erhebend. Wir wollen bei dieser Gelegenheit
noch daran erinnern, dass er 1891 zu den wenigen

Franzosen gehörte, die ihre der Kaiserin Friedrich
gegebene Zusage ehrenhaft hielten. Auch die geist-
volle Madeleine Lemaire war eine von diesen wenigen.
Sie hat auch jetzt wieder zwei große, ungemein fein
gegen einen hellgrauen Hintergrund abgesetzte
Blumenstücke und eine koloristisch ebenso fesselnde
dekorative Malerei mit Figuren, einen durch den
Äther fahrenden Feenwagen mit lieblicher Besatzung
ausgestellt. ADOLF ROSENBERG.

ERSTE INTERNATIONALE AUSSTELLUNG
IN VENEDIG.

I.

Mögen die Italiener, welche quantitativ wie quali-
tativ sehr gut vertreten sind, in unserer Wanderung
durch die Ausstellung den Vorrang haben! Vier Säle
sind gefüllt und überraschen durch die Brillanz und
Vielseitigkeit des Geleisteten so wie in vielen Fällen
durch unendlich eingehendes Studium der Natur bis ins
Kleinste oder andrerseits durch großen malerischen
Wert. Nur in einigen Fällen gerät die italienische
Kunst auf Irrwege durch missverstehendes Nachahmen
nordischer Eigentümlichkeiten.

Fangen wir nach altem Herkommen mit dem Figuren-
bilde an! Einst nannte man zuerst die historischen
Darstellungen. Dieser Mühe überhebt uns der fast
völlige Mangel historischer und religiöser Malereien in
der italienischen Abteilung. Unter dem wenigen dieser
Gattung muss vor allen Domenico Morelli genannt
werden, der in einem kleinen, von Luft und Licht aufs
feinste beherrschten Bilde Christus in der Wüste mit
zwei dienenden Engeln bringt, sowie G. A. Sartorio, der
in einem feinen Rundbilde in lebensgroßen Figuren in
einiger Anlehnung an S. Botticelli, eine Madonna mit
einem sehr schönen Christusknaben giebt, von anbetenden
Kinderengeln umgeben. Mit ergreifender Anmut hat
dieser Maler hier die zarte Linienführung seiner Früh-
renaissancevorbilder anzuwenden gewusst, ohne dass
deshalb den Gestalten Fleisch und Blut mangle. In
vier weiteren Gemälden, teils Pastellen figürlichen oder
landschaftlich stimmungsvollen Inhalts, ist derselbe Ton
mit größter Feinheit angeschlagen. Der religiösen
Historie gehört dann noch das große Bild des Römers
Gr. Ferrari an, ein mit ausgebreitet erhobenen Armen
im Garten zu Gethsemane betend stehender Christus.
Durch dunkle trostlose Stimmung sucht der Künstler
dem Gegenstande gerecht zu werden. — Außer durch
dieses Bild wird jedoch jeder in den ersten Saal
Eintretende gefesselt durch das in der Mitte aufgestellte
weibliche Porträt in ganzer Figur des Piemontesen
G. Grosso. Er unterschreibt das imponirende Frauen-
bild „la femme". Ganz von vorn gesehen, mit
hoch erhobenem Haupte, steht die triumphirende, durch
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