Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Korrespondenz aus München.

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Endlich sind die beiden wohl auch auf dem
Blatte B. 89, vielleicht auch auf B. 84 erkennbar.
Petrus lässt sich wohl auch noch auf B. 68, 70, 71,
73 und 75 erkennen.

Schließlich könnte auf B. 67 der gelockte Jüng-
ling zu Christi Füßen sehr wohl als Johannes gedeutet
werden. Die „große Kreuzabnahme" (B. 71) ist zu
sehr Schülerarbeit, als dass sie hier heranzuziehen wäre.

Die Frage, ob die hinter Petrus und Johannes
stehenden Männer als die Jünger Christi zu be-
zeichnen sind, ist schwer zu entscheiden. Der Ver-
gleich der oben zitirten Radirungen ergiebt, dass
Rembrandt nirgends Wert darauf legt, die Zwölfzahl
der Jünger gewissenhaft widerzugeben. Er könnte
sich also auch hier mit Petrus und Johannes begnügt
haben. Doch widersprechen andererseits die Apostel-
typen auf B. 99 u. a. nicht der Möglichkeit, auch jene
etwas prosaischen Gestalten als Jünger aufzufassen.

Es ist schließlich überflüssig, auf Rembrandt's
Radirungen für jede Figur, jeden Kopf eine Be-
nennung und Erklärung zu suchen. Vielfach dienen
sie ihm nur als malerische Füllungen. Dagegen schien
es mir berechtigt, für so wichtige, im Aufbau der Kom-
position so hervortretende Personen, wie die Frauen
und die zwei Hauptjünger, die Bezeichnung festzu-
stellen und die Anwesenheit sowohl als auch die Hal-
tung der Pharisäer besser zu motiviren, als es bisher
geschah. Durch Heranziehung des 19. Matthäus-
kapitels scheint mir aber erst diese umfassende Er-
klärung des Hundertguldenblattes möglich zu sein,
dessen linke Hälfte, wie ich glaube, dadurch ihre
richtige Bedeutung erhält. M. SGHMID.

KORRESPONDENZ AUS MÜNCHEN.

-ßjt- Wiederum hat es zugetroffen, was schon
einmal von „ordentlich" und „außerordentlich" ge-
sagt worden ist bezüglich der Versammlungen der
Münchener Künstlergenossenschaft. Der Antrag,
Juryfreiheit von Werken der Genossenschaftsmit-
glieder betreffend, ist in nichts zerflossen; man kann
nicht einmal sagen, er sei nach ehrlicher Verteidi-
gung gefallen. Der Vorgang ist bezeichnend für
die herrschenden Verhältnisse. Erst die Alarmtrom-
mel rühren, dann in aller Stille Rückzug ohne
Thaten. Der Antrag soll von einem guten Teil der
Akademieprofessoren (von denen bezeichnenderweise
nur die zwei jüngsten der Sezession angehören)
unterschrieben worden sein. Das war kein bloßes
Gerücht. Es kam dann noch ein anderes Gerücht
in Umlauf, eines, wo auch das Wörtchen „soll" eine

Rolle spielte, außerdem aber noch die Bezeichnun-
gen „Ministerium", „abwinken" und Ahnliches. End-
resultat: von den Herren erschien nicht einer, um
das zu verteidigen, was zuvor durch die eigene
Namensunterschrift gedeckt erschien. Vielleicht haben
die Nichterschienenen den Abend sonstwo in trau-
lichem Gespräch verbracht und dazu im Chor das
Lied gesungen:

So lag' ich und so führt' ich meine Klinge!

Mag nun der Antrag als etwas Gescheites auf-
gefasst werden oder nicht, — das bleibt sich ganz
gleich. Eines beleuchtet sein Auftauchen und
Verschwinden: die allgemein herrschende Meinungs-
losigkeit. Kaum tritt irgendwie im Bereiche der
Genossenschaft etwas auf, das aus dem Rahmen des
Gewöhnlichen (das ist freilich selten der Fall) her-
vorragt, so sind die Geister (nicht immer als Ver-
wandte von „Geist" erkennbar) aufgeregt, debatti-
ren und „nun wird's anders", ist stets das Schluss-
wort gewesen. Dann kam irgend ein bedeutungs-
volles Augenzwinkern aus höheren Regionen oder
deutlicheres Winken in bestimmter Richtung und
siehe da: überall Friedensengel, brüderliches Hand
in Hand gehen — bis zum nächsten Male. Dann
repetitio da capo. Was versprach man sich nicht
alles von dem Sturmlaufe der Protestpartei im vori-
gen Winter! Die guten Leutchen zogen ab, von
konfusen und offenbar alles männlichen Mutes ent-
behrenden Führern so beraten, wie es dergleichen
Geister fertig bringen. Und es blieb alles beim
Alten, außer dass vielleicht wieder irgend ein paar
höchst überflüssige Kommissionen gebildet wurden.
Die Protestler aber hatten rein nichts erreicht; musste
doch jeder klar denkende Kopf, der allenfalls das
Zeug hatte, richtig aufzutreten, sich gleich von vorn-
herein sagen, dass es mit diesem Heerbann nicht
weit her und der Durchbrenner wohl mehr zu er-
warten seien als jener, die mit durch Dick und
Dünn gehen. Woher nun diese Zerfahrenheit?

Seit nicht ganz einem Dezennium ist die Künstler-
schaft stark mit Elementen durchsetzt, die einen
durchaus demoralisirenden Einfluss ausüben. Früher
frug man: „Was schafft er?" Heute läutet es
anders: „Hat er Orden, was für Titel?" Es ist ein
Geist der Gunstbezeugungsjägerei großgezogen wor-
den, der untergrabend wirkt. Nicht als ob diese
schlimme Seite der Sache vom Quell der Gunst-
bezeugungen abzuleiten wäre, nein! Von dort kom-
men sie in der guten Meinung, Verdienste zu be-
lohnen. Es kommt seitens der anderen nur dar-
auf an, wirkliche oder bloß scheinbare Verdienste
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