Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Figurenbilder sind in nicht allzugroßer Anzahl
da. Man machte den Modernen oft den Vorworf, sie
könnten nicht zeichnen. Das Gegenteil fällt auf:
ein Raffinement der Zeichnung. Da das Eaffinirte
sich aber oft dem Primitiven nähert, hielten es viele
Leute, die besser mit der Feder, als mit dem Stift
umzugehen verstehen, und den Begriff „gute Zeichnung"
unter sich ausgemacht hatten, für stümperhaft. Ja,
es wollen Leute, die auch noch nie versucht hatten,
ein Auge zu zeichnen, Künstlern, die als Meister der
Zeichnung bekannt sind, — Zeichenfehler nachweisen.
Das ist aber durchaus nicht so einfach, wie manche
wohl glauben, sondern bedarf vor allem des positiven,
eigenen Könnens, und nicht nur eines normalen
Augenmaßes, Kenntnis klassischer Werke etc., Dinge,
die Maler nämlich auch haben. Thatsächlich be-
steht unter den Modernen oft ein förmliches Trainiren
auf feine Zeichnung. Es hält Schritt mit einer all-
gemeinen Verfeinerung des Geschmackes, der, ein
echtes Zeichen des Verfalls, aufs Raffinirte geht.

Ein schwieriges Amt wäre es, aus diesem hohen
Niveau des allgemeinen Könnens Spitzen zu kenn-
zeichnen, wenn man nicht gerade den breiten Weg
gehen will, sich nach dem Scheine der glänzenden
Namen zu richten. Ich verzichte darauf. Ist der
Raum nicht groß genug, um allen gerecht zu werden,
so will ich nicht mein persönliches Schönheitsideal,
möchte es noch so dehnbar sein, für maßgebend
genug halten, um danach zu verfahren.

Trotzdem glaube ich, dass ein jeder, der nicht
nur nach hübschen Mädchen schielt, an Herterichs
herrlichem Fruhlingsbilde seine Freude hat, von dem
ein Tönen von Lenzjubel und Maienlust ausgeht,
deren Hymnus der Künstler allein durch das An-
schlagen einiger Töne erklingen zu lassen vermag.
Und so glaube , ich, dass ein jeder gern Dill an seine
träumerischen, weidenumwachsenen Bachufer folgt,
ein jeder in Fritz Erler ein neues Talent begrüßt.
Otto H. Engels Fischeridyll ist über den Mode-
geschmack erhaben und in Langhammers neuesten
Werken scheint ein deutscher Brouwer auferstanden
zu sein, dem die Palette der Modernen zur freiesten
Verfügung steht. Albert Keller, Shick, Wide, Keller-
lieuitlingen haben sich eingefunden; neue Namen sind
aufgetaucht, die sich hoffentlich zur Sommeraus-
stellung wieder einfinden, in der eine Würdigung
von Einzelleistungen möglich sein wird.

DIE MÄRZAUSSTELLUNGEN DER DÜSSEL-
DORFER KÜNSTLER.

(Schluss.)

Unter den Landschaftern, die auch diesmal
wieder den Grundton der Ausstellung abgeben, haben
Karl Beclcer, von Bochmann, Bretz (dem, bei flüch-
tigster Zeichnung, ein koloristischer Klang von
manchmal eigener, sehr feiner melancholischer Stim-
mung eigen ist), Düclcer, Härtung, Hermanns, Eug.
Kampf, Adolf Lins, Muntlie, Oeder, Petersen-Flens-
burg, Karl Schnitze, Arthur Wansleben und Fritz von
Wille sich jeder seine persönliche Art herausgear-
beitet. Hugo Mühlig besitzt, wie kein anderer, die
fabelhafte Fähigkeit, ein Stück Sonnenschein buch-
stäblich auf die Leinwand zu übertragen, während
seine kleinen Figuren denen Bochmann's nichts nach-
geben. Henke's „Waldeinsamkeit" ist das Beste,
was er gemacht hat. C. Inner malte bereits , mo-
dern",' wie noch kein Mensch von plein air redete.
So ist er geblieben, ehrlich, streng und wahr, manch-
mal ein klein wenig — zu wahr. Den genialischen
Zug in die junge Düsseldorfer Landschafterei brin-
gen aber Olaf Lemberg und Lewis Herzog hinein.
Dem ersteren, dem auch, neben Diicker, ein Teil
der Lehrthätigkeit an der Akademie übertragen
worden, fällt die Gunst mehr und mehr zu, seitdem
die Münchener und Berliner Galerien ihm Einlass
gewährten. Man gewöhnt sich allmählich daran,
seine wuchtige Pinsel- und Spachtelführung zu wür-
digen. Er hat etwas von einem Eroberer an sich.
Wie mit Rubens'schem Ubermut und Lustgefühl
packt er die Natur an und schleppt sie her, als
wäre er der Herr der Welt. Er findet sie überall,
in der unmittelbarsten Umgebung, auf Wiesen und
Feldern, und jedesmal, wenn er, der Winter und
Sommer im Freien liegt, heimkommt, scheint er ihr
ein neues Geheimnis abgelauscht zu haben. Licht
und Luft sind seine Vertrauten, er kennt sie in allen
Nüancen. Mit vollen Zügen nimmt er sie in sich
auf und lässt sie durch seine Palette wieder aus-
strahlen. So erscheinen auch seine beiden neuesten
Werke „Landschaft nach dem Regen" und „Nieder-
rheinisches Dorf" als Lichtoffenbarungen im weite-
sten Sinne.

Jernbergs früherer Schüler: Herzog, dessen Bil-
dern bei ihrem Erscheinen sich ebenfalls gleich die
heiligen Pforten der Pinakothek und der National-
Galerie öffneten, war etwas in technische Unge-
bundenheit und Experimentirerei geraten, seitdem
seine italienische Reise ihm den flimmernden Zauber
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