Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL VON LÜTZOW und Dr. A. ROSEN BERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Wartenburgstraße 15.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. VI. Jahrgang. 1894/95. Nr. 25. 1G. Mai.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Veiiagshandlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

VAN DYCKS WILLIAM VILLIERS
IN WIEN.

Als Waagen den Kunstschätzen Englands wieder-
holt und eingehend seine Aufmerksamkeit gewidmet
hatte, ließ er bekanntlich als zweite vermehrte Aus-
gabe seiner „Kunstwerke und Künstler in England"
die „Treasures of art in Great Britain" erscheinen.
In diesem Werke wird in übersichtlicher Weise
von allerlei Kunstwerken, hauptsächlich aber von
dem Gemäldevorrat in Großbritannien gehandelt.
Dem erstaunlichen Reichtum der englischen Samm-
lungen an Bildern des Van Dyck wird das Buch
allerdings kaum gerecht, so dass Woermann mit
seiner Behauptung bezüglich der vielen Van Dycks
in England wohl Recht behält, indem er sagt: „Wenn
Waagen auch die meisten von ihnen gesehen hat,
so sind sie doch unzweifelhaft noch lange nicht
alle verzeichnet worden." Davon giebt sogleich der
Abschnitt über die Sammlung des „Earl of Grey"
Zeugnis, der uns hier in erster Linie interessirt.
Waagen hebt diese Sammlung (in den Treasures II,
S. 84 ff.) neben einigen anderen als eine hervor, die
besonders reich an Werken des Van Dyck ist. Alle
Van Dycks aber, die sich bei Grey befanden, sind
ihm nicht zugänglich gewesen, und was ihm zu
Gesicht gekommen war, beschreibt er nach der Er-
innerung, wie er ausdrücklich angiebt. Ein Gemälde
aus Grey's Sammlung, die Waagen 1835 und 1851
besichtigt hatte, war 1893 in London in der „Royal
Academy of arts" ausgestellt und hat allgemeines
Aufsehen erregt. Es war Van Dyck's Bildnis des

William Villiers, Viscount Grandison'), das seither
nach Wien gewandert ist, zuerst zu II. 0. Miethke,
der es kurze Zeit in seinem Kunstsalon ausgestellt
hatte, dann zu Jacob Herzog, dem Schriftsteller und
Herausgeber der Wiener Montags-Revue, der längst
als Bilderfreund bekannt ist.

Es soll vorausgeschickt werden, dass wir es in
dem neuen Ankömmling in Wien mit einem trefflichen,
bestechend virtuos gemalten, fein komponirten Werke
zu thun haben, dessen Erwerbung für eine Wiener
Sammlung als eine Art Ereignis bezeichnet werden
muss. Der überaus günstige Eindruck überhebt uns
aber nicht der Aufgabe, alles daran kühl und kri-
tisch durchzuprüfen. Dazu soll hier wenigstens der
Anfang gemacht werden, wenngleich manche An-
gaben noch ausständig sind, wie z. B. bestimmte
Mitteilungen aus England über die Schicksale des
Bildes, bevor es in die Sammlung Grey gekommen
war.2) Was aber von dem Bilde selbst abzulesen

1) Unter Nr. 130 der „Exhibition of works by the old
masters", im Katalog S. 80 ziemlich ausführlich beschrieben.
Als Aussteller ist dort „Arthur Kay" genannt. Von anderer
Seite habe ich erfahren, dass dieses Bild mit vielen anderen
aus der Sammlung Sir Edward Grey's durch Erbschaft an
Misses Bright of the Stocks gekommen war. 1893 hat sich
eine Reihe von englischen Zeitungen über das Bild geäußert.
Im Repertorium für Kunstwissenschaft hob der Ausstellungs-
bericht von W. v. Seidlitz neben den drei Van Dycks beim
Earl Brownlow noch besonders das Porträt des Viscount
Grandison hervor: „Von den Bildern aus der englischen
Zeit waren die beiden lebensgroßen Einzelfiguren des Earl
of Warwick und des Vicount Grandison anziehender als das
gewaltige, aber in der Durchführung ganz oberflächliche
Familienbild des Earl of Cleveland." (Rep. XVI, S. 236).

2) Über die altehrwürdige Familie Grey geben die
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