Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Bücherschau.

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in der Krypta von St. Severin, 1411 bezeichnet. Das
Werk muss von einem nicht unbedeutenden Meister
herrühren. Aus der Art des Werkes ergiebt sich,
dass die älteren kölnischen Bilder nicht in einer
diesem Zeitpunkt nahen Periode geschaffen sein
können. Sie sind ins 14. Jahrhundert zu versetzen.
Besonders wichtig ist der Ciaren-Altar, dessen Fi-
guren einen charakteristischen Unterschied vom
gotischen Stil, namentlich in der Darstellung der
Augen, zeigen. Redner weist auf die Beziehungen
zu den Malern Karl's IV. hin und deutet Beziehun-
gen des „Meisters Wilhelm" zu Böhmen als nicht
unglaubwürdig an. Die Ergebnisse der bisherigen
Forschung sind dahin zusammenzufassen, dass man
nur die Wahl hat, mit dem Chronisten an einen
rätselhaften Meister Wilhelm zu glauben, der in
den Kölner Schreinsbüchern nicht zu finden ist, oder
aber die Werke nach anderer Theorie dem Meister
Wilhelm von Herle, gestorben 1377 zu Köln, zu-
zuschreiben, jedenfalls könne man aber von einem
„Meister Wilhelm" als Schöpfer des Ciaren-Altars
mit Recht reden. — Der Vortrag wurde sehr bei-
fällig aufgenommen. Der Vorsitzende sprach dem
Redner den Dank der Versammlung aus.

Prof. Pulshy (Budapest) dankt der Versammlung
für die Annahme Budapests als nächsten Kongress-
ort und schildert, was die Kunstforscher im Jahre
1896 in der Ausstellung zum Gedächtnis der 1000-
jährigen Gründung des ungarischen Reiches zu er-
warten haben: eine großartige Ausstellung unga-
rischer Kunstaltertümer, die ja, wie er ausführt, zwar
nicht von Ungarn, aber für Ungarn, das immer be-
strebt war, fremde Kultur in sich aufzunehmen, ge-
schaffen sind. Der Redner betont schließlich, dass
das neue, aufstrebende Ungarn wohl wisse, dass es
seine Kultur Deutschland verdanke und ein gegen
Osten vorgeschobener Posten dieser durch Vermitte-
lung Deutschlands gewonnenen Weltkultur sei.

Hierauf führte Baurat Heimann nach einer vor-
hergehenden geschichtlichen Erläuterung die Gäste
durch das Rathaus. ' In seinen Erläuterungen be-
tonte der Redner schließlich die wenig gekannte,
außerordentlich schöne Aussicht vom Rathausturm
auf die Stadt.

Domkapitular Schnütgcn führte die Kongress-
mitglieder in die Kirchen St. Aposteln, St. Marien
am Kapitol und Groß-St. Martin.

Nachmittags 41/2 Uhr hielt im Isabellensaale
des Gürzenichs Dr. Carstanjen (München) einen Vor-
trag über „Kunstgeschichte und neue Ästhetik".
In scharfer, logischer Untersuchung suchte der Vor-

tragende zu beweisen, dass die alte Ästhetik ihre
Gesetze auf falschen logischen Grundsätzen auf-
gebaut und vor allem die Gehirnvorgänge, die der
ästhetische Reiz beim Beschauer erzeugt, nicht ge-
würdigt habe. Auf Grund der Schrift „Kritik der
reinen Erfahrung" von Richard Avenarius will der
Vortragende eine neue naturwissenschaftlicheÄsthetik
geschaffen wissen, die weder für die Künstler noch
für die Beschauer irgend welche Forderungen oder
Verbote kennt, auch nichts von bestimmten, dem
ästhetischen Urteil unterworfenen Dingen weiß, son-
dern nur darin ihr Ziel hat, jene Gehirnvorgänge
zu beobachten, die den ästhetischen Reiz bei den
verschiedensten Individuen und den verschiedensten
Objekten gegenüber erzeugen. Nur auf diesem Wege
könne erschöpfend mit zwingender Beweiskraft ein
Grundsatz des Schönen gefunden werden, und nur
darauf könne es bei der Wissenschaft der Ästhetik
ankommen, nicht auf Lehren von der Behandlung
der Kunstmittel. Als bahnbrechend erkannte Redner
G. Semper's „Stil" an. Die Wissenschaft der Ästhetik
habe sich überhaupt nicht nur mit der Kunst-
geschichte, sondern namentlich mit den schaffenden
Künstlern selbst in lebendige Fühlung zu setzen.

Abends 8 Uhr wurde den Kongressmitgliedern
vom Kölner Vereine für Altertumskunde im Civil-
kasino ein Festtrunk dargeboten. Beigeordueter
Thewalt begrüßte in seiner Eigenschaft als Vorstand
des Vereins die Mitglieder des Kongresses, in deren
Namen Direktor C. Woermann (Dresden) in längerer
Ansprache dankte. In den zahlreichen Toasten und
Festgesängen des überaus gelungenen heiteren Abends
kam der Kölner Humor und die Begabung der
zahlreichen dichterischen Talente der Stadt zu über-
raschender Geltung.

BÜCHERSCHAU.

Giemen, Paul, Die Kunstdenkmäler der Städte Barmen,
Elberfeld, Remscheid und der foeise Lennep, Mettmann,
Solingen. Düsseldorf, 1894. 8». 134 S. 5 Mk.

Das Inventar der Kunstdenkmäler der Rheinprovinz,
über welches ich bereits wiederholt an dieser Stelle zu be-
richten hatte, schreitet dank der ungewöhnlichen Thatkraft
und der hervorragenden Sachkunde seines Verfassers rüstig
vorwärts. Seine Leistung ist um so bewundernswerter, als
er mitunter Gebiete durchstreifen muss, welche künstlerisch
recht unergiebig sind, in welchen demnach die ohnehin
etwas entsagungsvolle Arbeit des Inventarisirens ihren letzten
Reiz verlieren muss. Zu diesen Landstrichen gehören die in
dem vorliegenden Hefte behandelten Kreise und Städte. In
industrieller Hinsicht von höchster Bedeutung, auch land-
schaftlich anziehend, gewähren sie dem Kunsthistoriker nur
geringe Ausbeute. Von Bedeutung dürften die hier vornan- 1
denen Baudenkmäler nur für die Geschichte des deutschen
Wohnhauses sein, des adlichen und bäuerlichen auf dem
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