Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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Die Große Berliner Kunstausstellung. II.

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macht sich das Hinarbeiten auf ein Gipfeln in Ge-
schicklichkeit in einem schönen Porträt von Olga
von Bosnansha geltend, was oft bei den größten
Talenten eine Klippe bildet; ein großes Damen-
porträt von Bora Eitz ist hervorragend, während
ein kleineres Bild „Dämmerung" mehr gesucht als
originell ist. Ich wenigstens kann es nicht ansehen,
ohne an die Vorbilder zu denken. — Außerdem dann
noch eine Anzahl von Bildnissen, im Charakter von
Gelegenheitsarbeiten, dedicirte Porträtstudien und
einzelne Figuren, die in der geistigen Vertiefung den
Porträtcharakter tragen. Ich nenne da nur noch
einzelne Namen, welche mit ausgezeichneten Arbeiten
vertreten sind, wie Engel, Haueisen, Wieland, Anets-
bergcr, Burger, Georgi, Schröücr etc. etc.

Gerade die Thatsache, dass so eigentlich wenig
— ich will nicht gerade sagen „repräsentative" Por-
träts vorhanden sind, giebt zu denken. Wie viele
von all den Arbeiten, die da vertreten, sind Be-
stellungen? — Und wo sind die Ergebnisse der vielen
Aufträge, die alljährlich erteilt werden ? Hat ihnen
die strenge Jury die Pforten der Ausstellung ver-
schlossen? — — Ein schlimmes Zeichen für die
künstlerische Höhe der beschäftigten Porträtmaler!

Das Ausland ist noch nicht vollzählig und man
wird besonders wohl erst nach Eintreffen der Fran-
zosen und noch einiger Engländer deren Leistungen
im Porträt würdigen können. Der künstlerische
Schwerpunkt der Ausstellung liegt wieder in der
Landschaft und der nächste Bericht soll von dieser
handeln. SCHULTZE-NA UMBURG.

DIE GROSSE
BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG.

IL

Wenn sich die Franzosen auch bei der Auswahl
ihrer für Berlin bestimmten Kunstwerke in vorsichtig
gesteckten Grenzen gehalten hahen, so fehlt es doch
nicht an einigen Proben jener Eichtling der französischen
Malerei, deren Vertreter die Welt und die Dinge in ihr
nur dann darstellungswert finden, wenn sie von einem
dichten, für das menschliche Auge kaum zu durch-
dringenden Nebel verhüllt werden, der alle Lokalfarben
sozusagen erwürgt. Man muss wirklich zu den unge-
wöhnlichsten Bildern der Sprache greifen, um Malereien
wie z. B. das aus sechs schattenhaften und dazu im
Verdachte der Skrophulose stehenden Individuen zu-
sammengesetzte Familienbildnis von Eugene Carriere
und die auf einem Seinequai im Spätherbstnebel prome-
nirende Familie von Henri Lerolle einigermaßen zu

charakterisiren. Diese und andere Marotten der modernen
Pariser Schule, von denen wir nur noch die wie eine un-
freiwillige Karikatur wirkenden Stricheleien von Jean Fran-
cois Raffaelli erwähnen wollen, der Ölgemälde, Aquarelle,
Pastelle und Kadirungen gleichmäßig nur mit Hilfe von
zitternden Schlangenlinien konstruirt, sind bereits durch
die Münchener Ausstellungen so bekannt geworden, dass
wir uns dabei nicht länger aufzuhalten brauchen, um so
weniger, als die Berliner nicht die mindeste Ursache
haben, sich auf diese verspäteten Sendungen, die heute
schon längst durch andere Tagesmoden überholt worden
sind, etwas zu gute zu thun. Wie wenig Wert selbst die
Künstlergenossenschaft des Marsfeldsalons, trotz ihres Ent-
gegenkommens, auf die Berliner Ausstellung gelegt hat,
beweisen am besten die drei Proben der vielbewunderteu
Kunst ihres Präsidenten Puvis de Chavanncs. Weder „der
Abend", ein Völkchen von schlafenden Hirten und Acker-
bauern aus dem biblischen oder arkadischen Zeitalter auf
einemFeld am Meeresstrande, noch der in Pastell gezeichnete
Rückenakt eines jungen Mädchens geben eine Vorstellung
von dem in der monumentalen und dekorativen Malerei
gipfelnden Können dieses Mannes. Was er als Zeichner
vermag, erfahren wir wenigstens aus einer zwei nackte
Männer darstellenden Studie in Kötel, die — wir sagen
nicht zuviel — an gewisse Zeichnungen Michelangelo's
erinnert. Wenn wir noch hinzufügen, dass Bonnat,
Carolus-Duran, B. Constant — wir greifen nur drei
Namen heraus — sich überhaupt nicht beteiligt haben,
so wird der Kenner französischer Kunst sich danach
vorstellen können, wie wenig Aufwand die Franzosen zu
machen brauchten, um den hellen Enthusiasmus der
Berliner zu erregen. Einen kleinen Ersatz für die
Fehlenden bieten außer den schon Genannten der geist-
reiche, aber sehr ungleich arbeitende Henri Gervex, dessen
Bildnis seiner Frau wohl den Höhepunkt des Pariser
Chics von 1893 oder 1894 darstellt, der aber in den
Bildnissen seiner Eltern und in den beiden sehr frisch
hingeschriebenen Ansichten aus Dieppe viel intimer, ur-
sprünglicher und aufrichtiger ist, und der vollkommen
französisch gewordene Italiener Jean Boldini, der außer
seiner längst bekannten, fidelen Familie, deren Oberhaupt,
leicht angeheitert, zwischen Frau und Tochter einher-
schwankt, und einer Atelierscene das Bildnis der jungen
Fürstin Poniatowska in rosenfarbener, stark dekolletirter
Balltoilette ausgestellt hat. Wir wissen keinen zweiten
Pariser Maler zu nennen, der mit gleicher Sicherheit und
Leichtigkeit Ton neben Ton bei anscheinend ganz flüch-
tiger Untermalung setzt und fast immer die beabsichtigte
Wirkung erreicht, ohne dass eine Spur von nachträglicher
Ubermalung oder von Verdeckung von Pentimenti. zu be-
merken ist. Diese wenigstens scheinbare Mühelosigkeit
des Schaffens fesselt am meisten bei den Malereien
Boldini's, der sich freilich nur selten unter den Zwang
des guten Geschmacks begiebt.

Auf eine charakteristische Vertretung ihrer Plastik
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