Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 6.1895

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VI

Die bildenden Künste auf der Antwerpener Ausstellung.

DIE BILDENDEN KÜNSTE AUF DER
ANTWERPENER AUSSTELLUNG.

(Schluss.)

Paris, das noch zu jeder Zeit die Parole für alle
neuen Wendungen in der europäischen Kunst, — die
Musik abgerechnet, — ausgegeben hat und den Zeit-
geist immer um eine halbe Nasenlänge vorauszu-
wittern vermag, Paris bleibt auch heute an der
Spitze. Die unvergleichliche technische Schulung,
die der Maler in Paris genießt, befähigt ihn, jeder
Drehung an der Wetterfahne des Geschmacks mit
Leichtigkeit und Geschicklichkeit zu folgen.

So zeigt denn auch der französische Teil in
dieser Beziehung die Einsicht und die Durchführung
der .Grund-Formel": Kunst kommt von — Können,
welche die Franzosen auf ihre Fahne geschrieben
haben. Freilich auch hier mit Unterschied! Dass
die Franzosen schließlich nur mit „Wasser kochen"
und manchmal mit sehr gewöhnlichem, beweisen
ganze Wände voll ziemlich inhaltloser Mittelmäßig-
keit. Aber diese gehen uns hier nichts an. Vor
ihren Meistern können wir immer nur mit Bewun-
derung stehen und lernen, wie man „malt". Die
großen Porträtisten Benjamin-Constant, Bonnat, Ca-
rolus Duran, Jules Leßbvre, Eugene Leroux, Emile
lienard und andere sind alle da; besonders Duran
hat drei Porträts und einen halbverkürzten, liegenden
weiblichen Akt gesandt von geradezu überwältigender
Schönheit. Besonders die beiden Porträts von jungen
Frauen in Hut und Jacke sind unübertrefflich. Es
ist nicht denkbar, mit solcher Einfachheit der Be-
handlung, künstlerischer Noblesse und koloristischem
Zauber mehr Geist, Lieblichkeit und seelischen Aus-
druck zu erreichen. Diese jungen Gestalten in ihrer
einfachen Erscheinung sind so innern Lebens voll,
so edel, so natürlich vornehm und so liebreizend,
mit einem leichten Anflug melancholischer langueur,
dass man sich ihrem Zauber nicht entziehen kann
und wieder und wieder in ihren Bann gerät. Man
niuss sich gewaltsam aufraffen, um ihnen Lebewohl
zu sagen, und dann blicken sie einem noch mit
einem süßen Ausdruck von Schwermut und lieblichem
Vorwurf nach. Wer sich noch mal umdreht, ist ver-
loren. — Emile Bastien-Lepage stellte zwei interes-
sante Fresken aus und an ältern Bildern sind „les
amoureux" von Adolphe Binet, Jean Beraud's „Kreu-
zesabnahme", (das sozial angehauchte Bild, mit dem
Blousenmann, der der Stadt Paris im Angesicht des
Gekreuzigten die Faust entgegenballt), Dagnan-Bou-
veret's „le soir", Puvis de Chavannes" „sommeil" und

die vier, schon früher ausführlich besprochenen
cyclischen Bilder vom „Verlorenen Sohn" von dem
Künstler und Spiritisten James Tissot da, dessen merk-
würdige Serie von Werken aus dem Leben Jesu die
Hauptattraktion des diesjährigen Champ de Mars
Salons bildete. Die neuere französische Kunst hat
wohl an psychologischer Vertiefung den mehr ger-
manisch als romanisch empfundenen Schöpfungen
dieses Philosophen und Asketen, der wie verlautet,
kürzlich unter die Kartäuser Mönche gegangen
sein soll, nichts Ähnliches an die Seite zu setzen.
Albert Besnard und Gustave Courtois („une bienheu-
reuse") Mcnard und Boll (mit drei Gemälden, darunter
das lebensprühende Bildnis des jüngeren Coquelin)
sind charakteristisch vertreten. Vom Altmeister Meis-
sonier sind eine ganze Reihe kleiner Ölgemälde und
Bronze-Statuetten ausgestellt. Eugene Carriere bringt
vier interessante Porträts und Studien in seiner be-
kannten nebelig hingehauchten Weise, und in der
Landschaft sind vier köstlich duftige Stücke von
Jean Charles Ca%in zu sehen, vor denen man so gerne
länger verweilen möchte; in dieser Hochflut von
Bildern aber heißt es: weiter, weiter! — Von dem
Präsidenten der Societe des Artistes francais Bou-
guereau sind die „Heiligen Frauen am Grabe", von
Eduard Detaille „en reconnaissance" (Scene aus dem
deutsch-französischen Krieg), von Geröme „la pour-
suite", ein köstlich feines Wüstenbild, mit einem
Löwen, der in gewaltigen Sätzen eine Gazellenherde
verfolgt, von Roißet das mit der Ehrenmedaille ge-
krönte kleine Porträt in ganzer Figur der M1}6 Ju-
ana Romani ausgestellt. Rapliael Göttin und eine ganze
Reihe erster Namen, wie Julien Dupre\ Pierre-Gavarni,
Albert Maignan, Robert Fleury und andere bilden die
Phalanx der französischen Sammlung. Selbstver-
ständlich sind eine ganze Menge Variationen mehr
oder weniger (meistens „weniger") bekleideter Damen
unter den Parisern zu finden, immer virtuos gemalt.
Eine wunderbar feine „Jeanne dArc ä Domremy"
von M>?e Demonl-Brelon erhielt mit Recht die Ehren-
medaille, als Meisterwerk in keuscher Auffassung
und Poesie. In der Skulptur sind die Franzosen
selbstverständlich mit gewaltigem Können erschienen.
Namen wie Frcniiet (Gorilla enlevant une femme),
Boucher, Frennet, Puech, Suchelet und Turean („l'a-
veugle et le paralytique) bürgen dafür. Auch in
der Architektur haben sie mit Charles Normand und
Eduard Lariot, welche beide „Entwürfe zur Restau-
ration des Parthenon einsandten, die Palme da-
vongetragen.

Sie sind in jeder Beziehung so stark auf dem
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